Bauer

Heinz Boddenstädts Schwager Helmut begab sich in seinen Gemüsegarten, um eine frische Gurke zu pflücken und sie mit Genuss zu verspeisen. Doch das blieb nur ein Traum. In seiner Bauerrolle und bei regnerischem Weihnachtswetter konnte er auf den Feldern nichts unternehmen. Ostwestfalen versank im Wasser.

Der Winter brachte die Planungen der holländischen Gemüsebauern für das Frühjahr mit sich, während Helmut vor der Frage stand, was er im nächsten Jahr anpflanzen sollte. Der Gedanke, seinen Acker zu verkaufen, um Platz für neue Wohngebiete in Bielefeld zu schaffen, kam auf, doch seine Liebe zum Handwerk auf dem Feld hielt ihn davon ab. Aufgeben kam nicht in Frage. Im letzten Jahr versuchte er es mit Gurken, die er auf dem Bauernmarkt für mindestens drei Euro verkaufen musste.

Helmut stand im Supermarkt, umgeben von Gurken. Er griff nach einer Gurke im Discounter, verpackt in Plastikfolie für 79 Cent. Vitamine mussten sein. Gurken bestehen zu etwa 97 Prozent aus Wasser, weshalb sie als kalorienarmes Gemüse und Gesichtsmaske beliebt sind. Mit nur 12 Kilokalorien pro 100 Gramm eignen sie sich als ideale Rohkost für Abnehmwillige. Wasser war nicht nur gut für Helmuts Körper, sondern auch unerlässlich für die Gurken.

Wasser war in Bielefeld äußerst preiswert, etwa 1,50 Euro für 1000 Liter. Zusätzlich kamen die gleiche Menge für Abwasserkosten hinzu. Doch sollte er wirklich erneut Gurken anbauen?

Die Gurke wurde aus der Plastikfolie befreit, und als er sie zerteilen wollte, begann die Gurke zu weinen. Sie sprach zu ihm. Das war 2024 möglich. KI half dabei! Heinz wusste nicht warum, aber die Gurke fing an zu reden. Sie wollte Heinz erzählen, woher sie kam, ihre Geschichte und warum sie so billig war. Heinz nahm die Gurke in die linke Hand, das Bierchen in die rechte, und die Gurke begann zu erzählen:

Frank, der Sachbearbeiter eines Einzelhandelskonzerns, im Besitz eines mexikanischen Finanzinvestors, entdeckte durch Aktienrecherche, dass in Spanien gerade Gurken reif und besonders günstig waren. Nach Zustimmung von Chefin Sabrina bestellte er 100.000 Gurken von einer Gemüsefarm in der Nähe von Almeria, die einem belgischen Agrarkonzern gehörte. Sabrina bezahlte für eine Gurke 5 Cent und handelte mit dem Großhändler in Deutschland einen Preis von 40 Cent aus. Das ganze wurde online mit drei Mausklicks abgeschlossen und Sabrina war 35000 Euro reicher. Aber wie ging es weiter mit der Gurke:

Ein Unkrautvernichtungsmittel eines deutschen Chemiekonzerns sorgte dafür, dass nur Gurken auf den Feldern wuchsen. Es war zwar kostengünstig, befand sich jedoch in Mexiko zwischen Köln und Düsseldorf und war nicht besonders gesund, wie Noah, der die Gurken erntete, feststellte. Noah, ein illegaler Flüchtling aus Afrika, lebte in einer Baracke neben den Gewächshäusern, was die Erntekosten niedrig hielt.

Vor dem Verladen wurden die Gurken mit luftdichter Plastikfolie überzogen. Die Folien stammten aus einer mittelgroßen Chemiefabrik in Thüringen, die nicht viel kosteten und von Mechatroniker Mark gesteuert wurden. Mark fütterte die Plastikfolienmaschine mit Rohöl, das Fiete mit dem Lastwagen von Rotterdam nach Ostdeutschland brachte. Fjotrow, ein Lastwagenfahrer aus Bulgarien, transportierte die verpackten Gurken nach Polen, wo sie für den Discounter gelabelt wurden.

Ein Lastwagen der italienischen Firma Iveco, im Besitz von „Fiat Industrial“, einer internationalen Holdinggesellschaft, brachte die Gurken wieder nach Deutschland. Der Transport war kostengünstig, der Diesel wurde steuerlich subventioniert, und der Fahrer, Mohammed, stammte aus Rumänien und lebte die meiste Zeit im LKW.

Die Gurken kamen bei einem Discounter in Unna an, und Sebastian übernahm die Verteilung. Ursprünglich als Anlagenbauer in einer Firma für Solaranlagen tätig, war Sebastian arbeitslos geworden, da die Anlagen nun aus China importiert wurden. Im Rahmen einer AB-Maßnahme war er nun kostengünstig für den Laden tätig.

Die Gurke verstummt. Sie wurde welk. Hatte Helmut sich das alles nur eingebildet?

Helmut entschloss, keine Gurken mehr anzubauen.Stattdessen produzierte er jetzt Mais für Biotreibstoff. Rationell setzte er viel Chemie, Gülle und Maschinen ein, verbrachte den ganzen Tag auf dem Trecker, und deshalb war der Biosprit kostengünstig. Rund 33 Prozent der weltweiten Anbauflächen werden für die Produktion von Viehfutter verwendet. In der Europäischen Union liegt diese Zahl noch höher: Hier landen 60 Prozent des angebauten Getreides in den Trögen. Dieses Verfahren ist äußerst ineffizient, aber Helmut war es  egal.

Zuhause entfernte Helmut die Plastikfolie von der Gurke und warf sie in den Müll. Die Gurke war nun schon mehr als eine Woche unterwegs. Obwohl sie durch die Folie noch frisch aussah, enthielt sie keine Vitamine mehr. Die Gurke schmeckte fade.

Zweihundert Jahre später landete der Ururururenkel von Helmut an einem Strand,mit einer Rakete, weil er auf einem anderem Planeten wohnt, als eine dünne Plastikfolie ihm ins Gesicht wehte. Unwissentlich handelte es sich um die Folie von Helmut’s Gurke. Der Müllentsorger hatte den Abfall zum Recycling nach Vietnam exportiert, wo er schließlich auf einer Deponie am Meer landete…

2024

Nun ist Jahr 2023 zu Ende. Und ich mache eine Schreibpause. 2023 war kein gutes Jahr. Nicht für den Frieden, nicht für die Umwelt und so kann 2024 auch nur besser werden. Klingt ja auch viel besser, runder, nach einem echten Schaltjahr. Mit einem Sommermärchen auf dem Jahnplatz, sollte Deutschland vielleicht doch noch einmal Europameister werden. Mit Arminia wird es ja beim grauen Maus Image bleiben. Und es ist die Olympiade in Paris. Noch nie war ich näher an der Olympiade dran. Ok. 1972 mit Heide Rosendahl. Aber da war ich Sieben. Man könnte ja genialer Weise mit dem Fahrrad zum Eifelturm radeln, aber die Ferienvorgaben der Schulministerin sprechen dagegen. Und die Welt ändert sich so schnell und bald wird Gemini mein neuer Freund und treuer Begleiter, eine KI-Instanz. Ein kleiner Bot.
Der weiß alles. Im benachbarten Supermarkt läuft ein kleiner R2D2 herum. In einem Korb hat er Bananen für die Kundenkinder. Wenn man z.B. Zahnstocher sucht, fragt man diesen Roboter und er führt einen direkt zu den Zahnreinigern. Immer häufiger ertappe ich mich dabei, die Selbstscankassen zu nutzen. Wer weiß, wann ich mir Chip in die Beuge zwischen Daumen und Zeigefinger einpflanzen lasse.
Mit all meinen Zugangsdaten.
Was sagen schlaue Menschen zum Wandel?
Der Mensch will immer, dass alles anders wird, und gleichzeitig will er, dass alles beim Alten bleibt. (Paulo Coelho)
Das Gegenteil von Veränderung ist Leiden. Ein Mensch leidet, wenn er sich zwanghaft von jedem Ändern abhält. Jedes Ändern ist ein Schritt nach vorne, weil wir leben. Leben heißt ändern. Wer nicht lebt, leidet (Joey Potter)
Oder aber: Wie der alte chinesische Dichter und Denker Lao Tsu vor langer Zeit sagte: „Das Leben ist eine Reihe von natürlichen und spontanen Veränderungen. Widersetze dich ihnen nicht, das erzeugt nur Kummer.“   Ob alles besser wird? Bestimmt nicht. Es wird halt anders.
Wir sind ein Teil davon. So gibt es auch 2024 hier wieder interessante Geschichten aus Ostwestfalen. Alles Gute

Kaufhaus

Sie wollte es schaffen. Es war knapp. 100000 Schuhe wollte sie verkauft haben.

In zweiunddreißig Jahren in der Schuhabteilung des Kaufhauses.

Als Lehrmädchen startete sie im letzten Jahrtausend bei Karstadt. Mit dem Zug fuhr sie jeden Morgen von Altenbeken ins Oberzentrum nach Bielefeld. Damals standen in Altenbeken noch die Fichten, an den Hängen, nun alle tot. Zweite Etage. Sportschuhe. Holde war dort nun verortet. Holde war sportlich. Im ostwestfälischen Hinterland trainierte sie Querfeldeinlauf. Jeden Morgen. Durch Kalamitätsflächen. Sie hatte kurze Haare und verkaufte nun Turnschuhe. Aber es kamen immer weniger Kunden.

Die Kaufhausmanager alterten mit ihren Kunden. Bugattilatschen waren out. Natürlich bekam sie Rabatt für ihre neue Laufschuhe, aber stylischere Marken gab es in trendigen Läden in der Altstadt. Neulich kam ein Spieler von Arminia Bielefeld um die Ecke. Er fand einen alten Samba Schuh unten im Regal. Ob Holde ihm diesen auch in Größe 46,5 verkaufen könne. Das wäre möglich, aber der Kunde müsse in einer Woche wiederkommen. 

Sie muss den Schuh bestellen. Der Kunde kam natürlich nicht wieder. Und Holde traf in der Mittagspause Wolfgang. Sie trafen sich immer in der Mittagspause. Kamillentee mit Wurstbrot.

Wolfgang war sehr groß und schlank. Sein Vater war schon Herrenkleidungsverkäufer. Wolfgangs Vater hatte in der Leineweberstadt Herrnschnittmuster entworfen und als das große Kaufhaus Karstadt in der City öffnete, fand er dort eine neue Arbeitsstelle mit Mittagspause im hauseigenen Restaurant. Wolfgang stieg in seine Fußstapfen und verkaufte nun Herrenoberbekleidung. Männer sind immer sehr durcheinander, wenn sie einen Anzug brauchen. Amerikanische Inch, deutsche Bauchumfänge oder französische Maße. Das konnte kein Mann sich merken. Frauen Größe 38 ging immer. Für einen Mann gab es Xl, Größe 56 oder 34 inch.

Aber nun war es auch für Wolfgang vorbei. Er war nun gerade 60 geworden und muss wohl stempeln gehen. Es herrscht natürlich Fachkräftemangel. Aber im stylischem Fashioncenter liegen die Teens herum. Was soll er da.Bsrauchen die einen Anzug? Oder nur Jeans für 20 Euro?

Zumal die gesamte Kleidungsbranche vor einen Umbruch steht. Die Firma Shapse.com aus China hat ein Programm für jeden Hausmann entwickelt. Mit einer App scannt man sich selbst, schickt die Fotos nach China und die kantonesische KI schneidert dann passgenaue Leibchen.

Holde und Wolfgang würden nie wieder in einem Kaufhaus arbeiten. Das war vorbei. Besonders bitte war es, dass Wolfgangs Sohn Walfgerd die Seite von Temu entdeckte.

Temu lockt mit schriller Werbung und niedrigen Preisen und bewirbt ein Einkaufserlebnis „wie für Milliardäre“. Die App bietet eine breite Palette von Produkten zu niedrigen Preisen an und konkurriert mit anderen bekannten E-Commerce-Plattformen wie Amazon, Shein und Walmart Die App setzt auf Gamification, um die Kunden anzusprechen.

Über Temu werden hauptsächlich Mode, Elektronik, Haushaltswaren, Schönheitsprodukte, Spielzeug und Nonfood-Haustierbedarf angeboten. Die Versandkosten sind bei Temu im Kaufpreis enthalten. Und das Beste ist: Heute bestellt und in sieben Tagen sind die Waren von China in Bielefeld. Im eigenen Briefkasten.

Walfgerd beschleunigte mit seinem Einkaufsverhalten den Untergang des ostwestfälischen Kaufhauses.

Und dann war da noch Frau Giesewetter. Niemand durfte sie mit ihrem Vornamen ansprechen. Und bitte nicht Kiesewetter!

Frau Giesewetter war aus feinem Haus. Der Tische wurde immer ordentlich gedeckt.

Egal, ob Gäste kamen oder ihr Mann nach einem langen Arbeitstag in der Hühnerfabrik aus dem Kalletal ins Haus schlürfte.

Tassen mit Goldrand, Teller mit Rosenrüschen und natürlich ein Silberbesteck mussten sein. Das Auge isst auch mit. Frau Giesewetter hatte sogar Porzellan aus Meißen. Das aber stand im Regal. Sollte erst bei ihrer Kronjuwelenfeier herausgeholt werden. Keine wusste, wann das war.

Giesewetter arbeitete in der Haushaltswarenabteilung. Hier fand man vom Silikonbecher bis zum Teebeutelhalter alles, was die moderne Hausfrau braucht. Dachte Giesewetter. Wusste Giesewetter.

Während Sie aber neulich versuchte einen Teller der Firma Seltmann-Weiden für 39,99 Euro zu verkaufen, kamen junge Leute auf die Etage und meinten:“ bei Ikea gibt es für 39,99 Euro ein ganzes Service inklusive Koch!“ Wo sind die Manieren geblieben? Wo die Esskultur, die Liebe mit der sie den Tisch deckte? Das Auge isst doch mit. Selbst auf dem Teller aus Muranoglas verwandelte sich der Big Mac in einen Burger al la Chamapain, Und da die Helden der Kochshows ihre Tellereditionen eh alle online verkauften, musste Frau Giesewetters Abteilung schließen.

Also saßen Frau Giesewetter, Wolfgang und Holde in der Backfactory beim 99 Cent Kaffee. Kamillentee war out.

Was sollten sie nun tun? Paketfahrer wurden gesucht, ach, es heißt ja nun Packetfahrende.  Und im neuen Zalando-Outlet-Geschäft brauchte man Kabinenaufräumer. Keine Aufräumer:Innen. Sollte schon ein Mann machen, meinte die Konzernleitung.

Und so fand jeder einen neuen Job. Die flotte Holde wurde Paketfahrerin. Dank ihrer Sportschuhe sprintete sie mit jedem Paket in die oberste Etage und blieb rank und schlank. Wolfgang nahm den Job des Kabinenaufräumers an. Endlich musste er nicht mehr die Kunden anlügen, fragten sie ihn: „Steht mir das?“ und Frau Giesewetter wurde Schrankenwärterin bei Ikea. Die Schrankenwärterin kontrolliert die Selbstscankassen und wenn alle Kunden ihre Waren exakt gescannt haben, öffnet sie die Ausgehschranke, die unweigerlich zum Hot Dog Stand führt.

Paypal

Franziska wollte nicht mehr von irgendwelchen Apps abhängig sein. Sie packte ihr altes Nokia-Klapphandy ein, mit dem sie im Notfall noch ihre Eltern anrufen konnte. So ausgerüstet begab sie sich zur Straßenbahn, wo zu dieser Zeit immer noch Stempelkarten aus Pappe verwendet wurden. Der Weihnachtsmarkt war das Ziel.

Dachte sie.

„Sie kommen hier nicht rein“, raunte der Busfahrer Franziska an. „Sie brauchen eine App. Nehmen Sie das Clip-Ticket, da sparen Sie neunzig Cent. Die alten Stempelkarten können Sie gegen Ride-Points für die App eintauschen“, belehrte der Mobiel-Mitarbeiter. Franziska schlurfte nach Hause.

War es wirklich unmöglich, ohne Smartphone zu leben? Die Krankenkasse, die Sparkasse, das Fitnessstudio und nun bald auch die Deutsche Bahn stellen ihre Dienste nur noch online zur Verfügung.

Noch besaß sie eine Bahncard und eine Sparkassencard. Die würden am Ende des Jahres eingestellt. Sie konnte die Hörgeräte ihres Opas per App steuern und auch seinen Herzschrittmacher überwachen. Der Sensor ihres Smartphones sammelte alle Gesundheitsdaten von ihr und piepte, wenn sie zu viel Aperol Spritz trank.

Die Bundesregierung plante einen neuen Coup. Ab 2025 sollten alle Bundesbürger ein Huawei-Handy bekommen. Kostenlos! Dort wären dann alle offiziellen Dokumente vorinstalliert: Führerschein, Personalausweis und ein digitales Konto für das Bürgergeld. Das Handy gehörte der Spitzenklasse an. Mit dem Bewegungsprofil sollten die Kommunen dann besser die Infrastrukturmaßnahmen steuern können. Zudem könnten Arbeitszeiten, Kontakte, Einkäufe besser kontrolliert werden. Was sollte Franziska machen? Das Leben musste doch weitergehen. Also schnappte sich Franziska ihr Smartphone, tauschte die Pappfahrkarten in Ride-Points um und fuhr in die Stadt. Sie wollte einen Glühwein in der neuesten Attraktion Bielefelds trinken.

Eine 20 Meter hohe Pyramide drehte sich im Oberzentrum. Lange war Franziska nicht mehr in der Stadt gewesen. Es gab sogar eine Jahnplatz-App und eine digitale Weihnachtsmarktkarte.

Am Jahnplatz sah sie ein kleine Schild. Es war ein Signal aus der Zukunft. Sie sah ein Schild, mitten im Tech-Centrum am Jahnplatz in Bielefeld, wo App-Entwickler ihre Spesen mit ApplePay bezahlten, während Uber-, Bolt- und Lieferando-Fahrer wie ausgehungerte Wespen um die Altstadt kreisten, allzeit bereit, über ein Samsung Galaxy, ein Sony Xperia oder ein Xiaomi für einen Auftrag angepingt zu werden; wo formschöne Influencer, rummelplatzlustige Tik-Toker und Insta-Touris ihre Storys drehten: an der Weihnachtspyramide auf dem Weihnachtsmarkt.

Dort, zwischen all den elektrisch blau beleuchteten Gesichtern, fand Franziska das Schild, und das Schild sah sie, und beide wussten: Etwas kippte gerade. Etwas würde sich ändern. Das Schild flimmerte nicht und machte keinerlei Geräusch, man konnte sich nicht mit ihm unterhalten. Es befand sich auch kein QR-Code darauf.
Eine schlichte Schiefertafel zierte den Eingangsbereich eines Lokals.

Mit Kreide darauf stand geschrieben: „Kein WLAN! Kommuniziert miteinander! Stellt euch vor, es ist 1995!“ Franziska blieb vor Rührung kurz stehen.

Das Schild wirkte wie ein tröstlicher Anblick. Es war mehr als das – es war eine lang ersehnte Bestätigung. Franziska hatte all die Jahre recht gehabt, trotz der updatehysterischen Zeit. Ein Blick ins Lokal zeigte ausschließlich junge Menschen, von denen viele vermutlich 1995 noch nicht einmal geboren waren. Franziskas Eltern hatten 1995 ihren ersten „Home PC“ bekommen, mit einem klobigen „Tower“, einem Bildschirm mit grüner Schrift auf schwarzem Grund, einem mal röchelnden, mal kreischenden Modem und einer 12-stelligen Compuserve.com-E-Mail-Adresse.

Zu dieser Zeit war Franziska noch nicht geboren. Sie war ein Kind des neuen Jahrtausends, in dem es kein Fotoalbum mehr gab, sondern das Leben von Anfang an digital dokumentiert wurde. Mit diesem Gedanken betrat Franziska das Lokal und wurde sofort in eine Gesprächsrunde aufgenommen.


Ein Leben ohne Smartphone – das ist es, was viele junge Erwachsene jetzt ausprobieren. Sie bezeichnen sich selbst als „Unplugger“ oder „Abschalter:innen“. Man nennt sie auch „Neo-Ludditen“, angelehnt an die rebellischen Arbeiter des 19. Jahrhunderts, die unter der Führung von Ned Ludd in Großbritannien gegen die Industriemaschinen kämpften, die ihre Rechte bedrohten.

Die „Neo-Ludditen“ verabschieden sich von ihren Smartphones und entscheiden sich stattdessen für einfache Tastenhandys, in den USA als „Flipphones“ bekannt. Einige gehen noch weiter und löschen ihre Social-Media-Konten von ihren Laptops; manche möchten sogar vollständig offline sein. Sie versammeln sich nicht nur in Berlin und Brooklyn, sondern auch in Linz, London oder Lissabon an Orten ohne WLAN, wie Parks, Cafés oder Bars. Dort tauschen sie Erfahrungen aus über das Leben ohne Strom in einer Welt, die nie schläft. In Zeitungsartikeln berichten sie von ihrem Stress und ihrer Abneigung gegen das ständige Gepiepse.

Franziska war erleichtert, den Weihnachtsmarkt besucht zu haben. Für das Jahr 2024 hatte sie vor, ihr Handy öfter auszuschalten. Nun wollte sie den Tag bei einem leckeren Glühwein mit einem Schuss Rum ausklingen lassen. Sie schaltete ihr Handy komplett aus. Ja, das war möglich. Schließlich hatten Smartphones einen Ausschaltknopf. Sie steckte das Handy in die Tasche, bestellte den Glühwein und dazu einen Eierpunsch.

„Wir akzeptieren nur Paypal“, informierte der Verkäufer.

Smartphone

Franziska besuchte ihren Onkel Heinz Boddenstädt. Obwohl sie jung war, erkannte sie, dass sie süchtig nach ihrem Smartphone war und beschloss, ihr Leben zu ändern. Bei einer Tasse Ingwertee teilte sie ihrem Onkel ihre Erkenntnisse mit:

„Ich habe bei mir selbst festgestellt, dass je länger und häufiger ich das Smartphone nutzte, desto abhängiger fühlte ich mich davon. Mit der Zeit fühlte ich mich irgendwie unvollständig und extrem unruhig, wenn ich es nicht bei mir hatte. Der reflexartige Griff zum Smartphone, um neue Informationen und Reize zu erhalten, wurde zu einer regelrechten Sucht – vor allem durch die sozialen Medien. Ich habe gezählt: Ganze 70 Mal am Tag habe ich auf mein Handy geschaut, obwohl es keinen Ton von sich gegeben hatte. Eine ernsthafte Sucht nach neuen Reizen, die ernsthafte psychische Folgen haben kann. Der ökologische Fußabdruck eines Smartphones ist ebenfalls enorm. Die begrenzten natürlichen Ressourcen, die für die Produktion benötigt werden, machen das Gerät im Verhältnis zur geringen Nutzungszeit extrem ineffizient.“

Franziska fuhr fort und sprach über die problematischen Herstellungsbedingungen der seltenen Erden, die in Smartphones verwendet werden, und den langen Transportweg dieser Geräte. Sie betonte die Notwendigkeit, Smartphones nachhaltig zu nutzen oder sogar ganz darauf zu verzichten.

Sie erklärte weiter, wie das ständige Greifen zum Smartphone das Gehirn verändert und Konzentrationsprobleme verursacht. Studien zeigten auch, dass der häufige Blick auf den Bildschirm die Augen schädigen könne. Die schlechte Haltung beim Betrachten des Smartphone-Bildschirms könne zu Beschwerden im Bereich der Halswirbelsäule führen, bekannt als der „Smartphone-Nacken“.

Horst hörte aufmerksam zu. Er hatte keinen „Smartphone-Nacken“ Er war „Silbernacken“ . Franziska fuhr fort:

„Die Hosentaschen sind begrenzt, und Smartphones haben die Dimensionen der alten Modelle längst überschritten. Sie drängen sich auf, beanspruchen Raum und zwingen die Hosentaschen, ihre Kapazität zu überschreiten. Wie ein aufgeblähtes Symbol erheben sie sich vielleicht sogar zum neuen Phallus-Symbol für einige Männer. Doch inmitten dieser modischen Ambitionen wird die Unbequemlichkeit greifbar, denn sie zwingen nicht nur unsere Hosen zur Rebellion, sondern auch uns selbst.“

Franziska fing fast an zu weinen.

„Heinz, das Drama geht noch weiter. Durch die obsessiven Griffbewegungen zum Smartphone opfern wir unbeabsichtigt echte, greifbare Nähe für eine scheinbar virtuelle Verbindung. In diesem unaufhaltsamen Tauschhandel riskieren wir den Verlust wertvoller sozialer Kontakte. Das echte Lächeln eines Freundes wird durch den Bildschirm ersetzt, die herzliche Umarmung durch Emojis abgeschwächt. Lehrer unterrichten Kids bald nur noch über Whatsapp. Die Konsequenzen dieses Handels sind nicht zu unterschätzen, und die Dramatik wird spürbar, wenn wir uns selbst in der einsamen Umarmung der virtuellen Welt wiederfinden.

Inmitten dieser tragischen Entwicklung wird klar, dass das Smartphone nicht nur unsere Hosen ausbeult, sondern auch die Substanz unserer zwischenmenschlichen Beziehungen. Es ist eine schmerzhafte Realität, die sich entfaltet, während wir uns weiter in die digitale Distanz vertiefen und den wahren Wert menschlicher Verbindungen verlieren.“

Heinz machte sich Gedanken. Was sollte er seiner Nichte antwortetn.

Überweisungen gehen natürlich grundsätzlich auch ohne Smartphone, auch wenn diese Veränderung mittlerweile vielen Menschen schwer fallen dürfte. Telefonieren kann man beispielsweise mit dem Festnetz-Telefon oder man nutzt ein älteres Handy-Modell, das lediglich die Grundfunktionen „Telefonieren“ und „SMS schreiben“ ermöglicht. Das Ticket kauft man in Papier-Form, für das Online-Banking nutzt man alternative TAN-Möglichkeiten – und bezahlen kann man auch mit Bargeld. Unmöglich ist es jedenfalls nicht, ohne Smartphone zurecht zu kommen. Aber es wird schwieriger.

Franziska entschied sich auf Heinz Anraten, nicht ständig alle Apps bei sich zu tragen – sei es für die Krankenkasse, die Sparkasse, Arzttermine, Bahnverbindungen und vieles mehr. In dieser Zeit breitete sich eine neue Betrugsmasche aus.

Diebe zielten auf Menschenmengen ab und durchstreiften die Stadt mit kleinen digitalen Scangeräten. Einer dieser Betrüger war Ede Saltup, der sich für 100 Euro ein digitales Kartenlesegerät besorgte. Besonders in der U-Bahn näherte er sich Passanten. Über Infrarot und Bluetooth entlockten diese mobilen Geräte den Handtaschen der Kunden unbemerkt 50 Euro von allen Kreditkarten. Schnell und unkompliziert. Niemand bemerkte etwas, erst bei der späteren Kreditkartenabrechnung. Bei einem Spaziergang durch die Straßenbahn erbeutete Ede Saltup so beinahe 1000 Euro.

Franziska war entschlossen, sich vor solchen Gefahren zu schützen. Sie lehnte nicht nur die Bequemlichkeit von Apps ab, sondern auch das Risiko von Betrügereien. Weder wollte sie sich einen Handynacken noch schlechte Augen einhandeln.

Als Gegenmaßnahme entschied sie sich für ein altes Klapp-NOKIA Telefon mit grüner Schrift und ließ ihr hochwertiges iPhone zu Hause. So ausgerüstet begab sich Franziska zur Straßenbahn, wo zu dieser Zeit immer noch Stempelkarten aus Pappe verwendet wurden.

Die Geschichte wird fortgesetzt.

Glühwein

Rentner Heinz Boddenstädt ging es blendend. Dank diverser Rabattaktionen konnte er sich sogar eine charmante Villa auf der Insel Baltrum leisten – so dachte er zumindest. Um die Nebenkosten zu stemmen, sammelte er weiterhin eifrig Rabattmarken, nun sogar online. Allerdings stellte sich das Einlösen als knifflig heraus, da auf Baltrum lediglich Fietes Frischebude und das Knusperhuuske existierten, ohne die Präsenz von Discountern. Ein monatlicher Flug zur VIP-Lounge auf Sylt war für Heinz die Rettung, denn dort konnte er immerhin seine Rewe- und Edeka-Punkte nutzen. Die festlich geschmückte VIP-Lounge irritierte ihn jedoch – war schon wieder Weihnachten? Das Sammeln von Rabatten auf Baltrum schien nicht auf Dauer tragbar zu sein. Doch das Schicksal meinte es gut mit Heinz.

In der VIP-Lounge, als er gerade seinen Mantel an der Garderobe aufhängte, betrat eine elegant gekleidete Dame das Lokal. Beim Versuch, ihren Pelzmantel auszuziehen, brach der Absatz ihres linken High-Heel-Schuhs ab, sie stürzte, und ihr Handy flog spektakulär ins Hummerbecken des Restaurants. Jetzt war Eile geboten. Das nagelneue iPhone 20 konnte gerade mal 24,5 Sekunden im Wasser überstehen, bevor der Akku den Geist aufgab. Heinz, ein Mann der Tat, sprintete zum Hummerbecken und rettete das Handy aus den Fangarmen des Hummers.

Die erleichterte Dame umarmte Heinz, als er ihr das gerettete Handy reichte. Das iPhone war in eine auffällige Blink-Blink-Hülle gehüllt, doch Heinz hatte keine Ahnung. Die Dame stellte sich vor: „Großer Held, mein Name ist Frieda vor dem Schluck. Dieses iPhone ist mit echten Brillanten und Edelsteinen besetzt, die mein Vorfahre Umbertus Sangesfried Ignatius dem Kaisertyrannen im Jahr 1334 abgeschwatzt hat. Als Dankeschön lade ich Sie heute Abend an meinen Tisch ein – ich bezahle!“

Heinz konnte sich diese großzügige Einladung nicht zweimal sagen lassen. Frieda vor dem Schluck entpuppte sich als Millionärin und erzählte ihm begeistert von ihrem Reichtum, der auf den Weihnachtsmärkten erwirtschaftet wurde.

Die Tradition vorweihnachtlicher Märkte reicht bis ins Mittelalter zurück, als sie primär der Versorgung dienten. Heutzutage steht das gesellige Beisammensein im Vordergrund, und Weihnachtsmärkte sind vor allem für ihre dichten Menschenmengen zwischen den Ständen bekannt. Aufgrund der Corona-Pandemie mussten die Menschen 2020 und 2021 weitgehend auf dieses Vergnügen verzichten, was eine Unterbrechung der Weihnachtsmarkt-Tradition darstellte – das letzte Mal geschah dies während des Zweiten Weltkriegs. Die meisten Märkte wurden aufgrund der Corona-Hygienevorschriften abgesagt. Seit 2022 finden die Weihnachtsmärkte jedoch wieder ohne Einschränkungen statt. Dennoch wird aufgrund der Energiekrise vielerorts bei der Beleuchtung und stromintensiven Attraktionen gespart.

Trotzdem steht der Freude an dampfendem Glühwein, dem Duft von gebrannten Mandeln, vielfältigen Speisen und liebevoll gestaltetem Kunsthandwerk nichts im Wege. Mancherorts wird wohl auch der Weihnachtsmann zu sehen sein, der Geschenke an die Kinder verteilt. Große Städte haben oft mehrere Märkte, die bereits vor dem ersten Advent bis kurz vor Heiligabend oder sogar darüber hinaus geöffnet sind. Auch viele kleinere Ortschaften oder Höfe veranstalten Weihnachtsmärkte, meist jedoch nur für einen oder wenige Tage.

Die Ursprünge der Weihnachtsmärkte im deutschsprachigen Raum reichen mehr als 600 Jahre zurück. Der Bautzener Wenzelsmarkt soll bereits 1384 stattgefunden haben, der Dresdener Striezelmarkt wird 1434 urkundlich genannt, und der Nürnberger Christkindlesmarkt oder der Augsburger Lebzeltermarkt existieren ebenfalls schon seit langer Zeit. Der Wiener „Wintermarkt“ geht sogar auf das Jahr 1382 zurück. Jedoch hatten die Märkte im Mittelalter wenig Ähnlichkeit mit den heutigen Vergnügungsveranstaltungen. Stadtbewohner deckten sich dort mit Nahrungsmitteln und Gebrauchsgegenständen für den Winter und das Weihnachtsfest ein. Neben Händlern erhielten auch Handwerker das Recht, ihre Waren anzubieten, darunter Korbflechter, Schuster und nach und nach auch Spielzeugmacher. Kuchenbäcker sorgten für das leibliche Wohl, und fahrende Musikanten sorgten oft für musikalische Unterhaltung.

Der Übergang von einem Versorgungsmarkt zu einem stimmungsvollen Vergnügen begann im 17. und 18. Jahrhundert. In dieser Zeit vollzog sich ein Wandel des Weihnachtsfests von einem rein religiösen zu einem bürgerlichen Familienfest. Geselliges Beisammensein und Geschenke für die Kinder gewannen an Bedeutung. Auf den vorweihnachtlichen Märkten gab es vermehrt Speisen, Getränke und Spielzeug. Der Brauch, Krippen aufzustellen, stammt ebenfalls aus dieser Zeit, wobei die ersten Krippen zu Beginn des 17. Jahrhunderts aus Italien kamen. „Lebende Krippen“ mit Schafen, Ziegen und Eseln sind manchmal noch heute auf ländlichen Märkten zu finden.

Mit dem gesellschaftlichen Wandel durch die Industrialisierung änderten sich im 19. Jahrhundert auch viele Weihnachtsmärkte. Berichte über Zusammenstöße auf dem Berliner Weihnachtsmarkt weisen auf soziale Konflikte hin. Mit dem Aufkommen von Kaufhäusern ab 1920 verschwanden viele Waren von den Märkten, da sie in den Warenhäusern günstiger und in größerer Auswahl zu haben waren. Stattdessen erlebte die folkloristische Ausrichtung der Märkte einen Aufschwung. Tannenbäume und Lichter schufen eine gemütliche Atmosphäre, und traditionell gestaltete Buden sowie feierliche Zeremonien und Musik bestimmten zunehmend das Geschehen. Einige katholische Gegenden hielten jedoch an der Tradition fest, die Adventszeit als Fastenzeit zu betrachten.

 Und wer Michel aus Lönneberga gesehen hat, weiß, wie enthaltsam die Adventszeit war, weil dann Weihnachten alles auf den Tisch kam.

In Deutschland finden mittlerweile jährlich mehr als 2.500 Weihnachtsmärkte statt, wobei der Leipziger Weihnachtmarkt mit seinen rund 300 Ständen als einer der größten des Landes gilt. Neben den imposanten Weihnachtsmärkten mit Hunderten von Buden und einem vielfältigen Rummelangebot, einschließlich Fahrgeschäften und Eisbahnen, entstehen auch immer mehr kleine Märkte. Diese finden beispielsweise in städtischen Hinterhöfen oder auf abgelegenen Gutshöfen statt und tragen Namen wie Weihnachtsmarkt, Christkindlmarkt oder Adventsmarkt. In Zeiten, in denen die christliche Tradition in den Hintergrund tritt, gewinnt auch die Bezeichnung Wintermarkt zunehmend an Bedeutung.

Der Trend geht zu historisch anmutenden Ständen, einem mit Rindenmulch ausgelegten Boden und traditionellem Kunsthandwerk. Neben dem obligatorischen Glühwein bieten diese Märkte – neben regionalen Spezialitäten – auch immer noch Lebkuchen oder Zuckerwatte. Weihnachtliche Blasmusik und frisch gebackene Waffeln gehören für viele Besucher zum festlichen Erlebnis. Allerdings steht nicht mehr der Messias Jesus im Mittelpunkt.

Ein beeindruckendes Beispiel ist die begehbare Weihnachtspyramide auf dem Rostocker Weihnachtsmarkt, die mehr als 20 Meter hoch ist. Über drei Kilometer erstrecken sich Buden und Attraktionen durch die Innenstadt. Doch auch in Bielefeld sollte eine Weihnachtspyramide stehen, dachte Heinz. Was ihm die feine Dame, Frieda vor dem Schluck, wohl mitteilen möchte?

„Heinz“, begann die Millionärin, „ich wurde mit Glühwein zur Millionärin. Jeder Deutsche trinkt im Jahr einen halben Liter Glühwein.“ Frieda vor dem Schluck schien alle Geheimnisse zu kennen. Sie entstammte einer Glühwein-Dynastie und behauptete, den Markt zu beherrschen. „Damit erreichen wir eine Abdeckung von 90 Prozent“, erklärte sie stolz. In der dritten Generation führt Frieda vor dem Schluck die gleichnamige Weinkellerei Schluckenried. Ihr Großvater Franz erlangte in den 1960er Jahren mit einer Branntweinfabrik und einem Stand auf dem Fürther Christkindles-Markt den Durchbruch. Seitdem ist der berühmte Weihnachtsmarkt ohne ihr Heißgetränk undenkbar. Aufgrund des größeren Platzangebots in Nürnberg verlegte Frieda vor dem Schluck ihre Firmenzentrale in die Frankenmetropole.

Der Erfolg beruht auf einer geheimen Rezeptur und großen Mengen preiswerten Rotweins, vorwiegend aus Italien. Die genaue Menge an Glühwein, die jährlich die Produktionsanlagen am Nürnberger Hafen und in einer brandenburgischen Dependance verlässt, bleibt Frieda vor dem Schluck schuldig. Schätzungen gehen jedoch von über 50 Millionen Litern aus, die sie europaweit unter verschiedenen Markennamen verkauft.

Doch warum hat Glühwein einen so schlechten Ruf? Ein Grund liegt in der EG-Verordnung 251/2014, die genau regelt, was in einen Glühwein gehört und was nicht. Dennoch ermöglicht die Verordnung den Einsatz von Aromen und Zucker, ohne dass sie deklariert werden müssen. So enthält der Großteil der handelsüblichen Glühweine keine echten Kräuter oder Gewürze. Frieda vor dem Schluck erzählte von ihrem ersten Kunden aus Hamburg, Bernd Hagenbrunn, der im Weihnachtsgeschäft eine zentrale Rolle spielt.

Bernd Hagenbrunn ist seit 40 Jahren im Schausteller-Geschäft tätig und betreibt Imbiss- und Getränkebuden auf verschiedenen Festen und Märkten. Auf einem der Weihnachtsmärkte in der Hamburger City besitzt er alle 65 Stände und weitere 34 Buden in der Fußgängerzone. Eine ausgeklügelte Mischkalkulation ist erforderlich, wobei der Glühwein eine zentrale Rolle spielt. Hagenbrunn erhält den Glühwein von einem Großhändler für 1,30 bis 1,35 Euro pro Liter und verkauft ihn im Hamburger Winterwald für vier Euro pro 0,2-Liter-Henkelbecher, was einer Marge von über 1000 Prozent entspricht. Die Standmiete für einen Glühweinausschank beläuft sich angeblich auf über 20.000 Euro für vier Wochen. Bernd Hagenbrunn musste nur sechs Wochen im Jahr arbeiten. Das reichte für sechs Monate Teneriffa.

Die Geschäftsidee von Frieda vor dem Schluck inspirierte Heinz. Die Unternehmerin schlug vor, dass er ihre Lizenz für den Weihnachtsmarkt in Bielefeld übernehmen könnte. Da die Stadt nicht existiert, könne er die Lizenz haben. Frieda vor dem Schluck, Mitglied einer Glühwein-Dynastie, riet ihm jedoch, es mit Flammkuchen zu versuchen, da die Gewinnmarge noch höher sei. Sie warnte jedoch davor, an der Bude etwas mit „Jesus ist geboren“ zu schreiben, da dies den Umsatz beeinträchtigen könnte. Heinz wusste nun, was zu tun war.

Black Friday

Die Koffer waren bereits gepackt, die Kisten ordentlich gestapelt – die Abreise stand kurz bevor. Heinz entschied sich für einen Umzug, weg von Bielefeld, weil er einen neuen Lebensabschnitt beginnen wollte. Er erwarb eine Villa, und wo sonst als auf Ibiza? Oder vielleicht doch auf Baltrum? Der Kauf war günstig, da der steigende Meeresspiegel den Immobilienmarkt beeinflusste. Allerdings war dies erst in ferner Zukunft relevant – erst, wenn Heinz 101 Jahre alt wäre.

Wie schaffte es Rentner Heinz, sich eine Villa leisten zu können? Sicherlich, es gab nur einen kleinen Pool, aber es war nicht die Art von Villa, die Dieter Bohlen einst besaß. Dennoch war es für Heinz ausreichend. Weg vom Novembernebel, hin zum Nordseehimmel. Aber wie genau hat er das geschafft?

Während Persönlichkeiten wie Jeff Bezos und Mark Zuckerberg schon in jungen Jahren Millionen verdienten oder die Tochter von Boris Becker durch Erbschaft reich wurde, erarbeitete sich Heinz seinen Wohlstand mit eigenen Händen. Doch wie genau gelang ihm das? Nein, die klassische Geschichte vom Tellerwäscher zum Millionär war für Heinz keine Option. Das Schrubben von Geschirr in heißen Restaurantküchen kam für ihn niemals infrage. Heutzutage gibt es doch viel einfachere Wege. Aber der Reihe nach.

Alles begann, als Heinzens Tochter fragte, ob er die neue Lidl-App bereits habe, um Geld zu sparen. Das war der Auslöser. Heinz wurde zum Couponjäger. Er legte sich eine zweite Geldbörse zu, besorgte sich tausend Kundenkarten von Babygeschäften bis zu Weinhandlungen, Schuhläden oder Dessous-Labels.

Anfangs war nicht klar, wofür er sie nutzen sollte. Doch dann füllte er sein Dritthandy mit Discounter-Apps und nahm 1000 Euro seiner Rente zur Hand. Der Startschuss fiel. Die Vielzahl von Apps und Kundenkarten boten eine Fülle von Rabatten. Da musste etwas möglich sein. Er probierte es mit der Lidl-App aus und erzielte schnell einen Rabatt

von 1,33 Euro bei einem Einkauf von 30,01 Euro, dazu einen Neukundenbonus von 5 Euro. Im Gegenzug erhielt er ein Angebot: Gehackte Tomaten 25 Prozent günstiger, Mindestabnahme 100 Dosen. Ein Deal, den man einfach machen musste. Die Dosen waren bis 2034 haltbar, also passte das schon.

Dann kam der Black Friday. Heinz konnte zwei Laubpuster zum Preis von einem erwerben, verkaufte den zweiten dann für 100 Euro an seine Nachbarn. So ging es weiter – zwei für eins, 33 Prozent Rabatt. Nach einer Bestandsaufnahme stellte Heinz fest, dass er einige Euro investiert hatte und durch Waren, Gutscheine und Bargeld locker 200 Euro verdient hatte. Von 1000 auf 1200 Euro in nur wenigen Minuten, ohne sich die Hände wie ein Tellerwäscher schmutzig zu machen. Es lief also gut. Schnell noch die Coupons von Mittwoch bis Freitag einlösen, das Glücksrad drehen, die zwei-für-drei-Angebote nutzen. Am Ende des Tages hatte Heinz seinen Geldeinsatz verdoppelt.

Freitagabends loggte er sich noch schnell auf der Website von Shao Li Ping ein. Der Bielefelder Unternehmer (und Held dieses Blogs) hatte Heinz nach einer durchzechten Nacht zu seinem 60. Geburtstag einen Schiffcontainer geschenkt. Jeden Freitag konnte Heinz online verfolgen, wo sich sein Container gerade befand. Und weil Black Friday war, befand er sich direkt im Hamburger Hafen, wo Amazon-Roboter chinesische Billigware auspackten. Für jeden Containertransport kassierte Heinz 10.000 Euro Transport-Leihgebühr.

Als nächstes begab er sich morgens zum großen Markt im Zentrum von Bielefeld. Schon um 6:00 Uhr verhandelte er geschickt mit einem pakistanischen Händler und erwarb Papayas und Himbeeren – im November – zu einem unschlagbaren Preis von einem Euro. Dies geschah um 6:12 Uhr. Schnell erstellte er ein Schild und richtete einen kleinen Stand ein, während die Gewerbeaufsicht noch im Schlummer lag. Auf dem Schild prangte die Aufschrift: „Himbeerliebe aus der Heimat und Papayas von indigenen Kindern liebevoll gepflückt.“ Beides war frei erfunden, aber um 7:19 Uhr verließ er den Markt mit einem Gewinn von 342 Prozent. Sein Stand war restlos ausverkauft. Er überprüfte seine weiteren Einkäufe auf dem Wochenmarkt. Dort gab es abgepackten Grünkohl für ein Euro pro Kilo und Butterkartoffeln für einen Euro und 20 Cent. So konnte er ein gesundes, regionales, veganes Essen zubereiten. Der Grünkohl reichte für drei Tage und wurde mit jedem Tag besser. Das kostete ihn weniger als 70 Cent pro Tag. Nun begann jedoch seine eigentliche Schicht.

Um Millionär zu werden, musste er an die Kundenkarten anderer Menschen gelangen. Daher ließ er sich samstags anstellen – nur samstags und nur in den Hypermärkten der Stadt, wo Fachkräftemangel herrschte. Heinz startete um 8:00 Uhr, jedoch nicht an einer gewöhnlichen Supermarktkasse, sondern an den Selbstscan-Kassen. Er war nicht bereit, jeden Artikel mit einem ohrenbetäubenden Piep selbst zu scannen. Heinz war schlau. Seine Devise lautete: „Lass das die Kunden machen!“ und erklärte dem Marktleiter: „Ich gehe zur Selbstscan-Kasse. Da habe ich sogar etwas Bewegung!“

Um an die Payback-Punkte anderer Verbraucher zu gelangen, setzte er auf seine charmante Art. Er hatte die Oberaufsicht über vier Selbstscan-Kassen und sprach die Kunden freundlich an: „Herzlich willkommen! Wenn Sie Hilfe benötigen, melden Sie sich. Übrigens, haben Sie eine Payback-Karte? Dort gibt es viele Rabatte!“ Falls ein Kunde seine Anfrage negierte, wies er ihn zum freien Scan-Point und zog schnell seine eigene Rabattkarte über die Kasse, um tausende Punkte zu ergattern. So gestaltete sich Heinz‘ Samstag. Natürlich erhielt er für diesen Job auch noch zwanzig Euro Stundenlohn. Der Sonntag war sein Erholungstag – am siebten Tag soll man ruhen.

Für Heinz kein Problem. Er schnappte sich seinen Laptop, trank einen Kaffee – den er übrigens durch das Wiederverwenden von gebrauchten Kaffeefiltern und Kaffeemehl ein zweites Mal aufbrühte. Seine Schwiegermutter mit 85 Jahren merkte den Unterschied nicht, da sie ohnehin immer Kaffee Hak trank. Und Heinz benötigte nur die doppelte Menge Prütt, um das gewünschte Koffein in seinen Adern zu spüren. Dann plante er die kommende Woche anhand der Werbeprospekte: Montag Kaufland, Dienstag Aldi, Mittwoch zum Weindepot, Donnerstag zum Lidl, Freitag Online-Shopping bei Amazon. Und samstags wieder Punkte abgreifen. Dieses System war noch ausbaufähig.

Heinz‘ Nachbarin saß an der Kasse eines Discounters. Er umgarnte sie geschickt mit Dessous, die er im Megadeal in Neongelb erstanden hatte. Als Gegenleistung zog sie Heinz‘ Kundenkarten über den Scanner, wenn ein Kunde vergaß, seine eigene Karte zu zeigen. Heinz‘ Nachbarin sah verführerisch aus. Heinz‘ Konto noch verführerischer.

Und so war es am 25.11.2023 soweit. Heinz löste sein Payback-Konto auf, verkaufte den Seecontainer, löste alle Rabattkarten ein, und mit Glück von 23 Milliarden eingelösten Bonuspunkten und einem Keller voller Gratisprodukte zog er in seine Villa in der Sandschlafstraße 5 auf Baltrum.

Sankt Martin – Bitcoin

Wie konnte er die Situation wieder ins Lot bringen? Hanno Boddenstedts Vater, Heinz, ein Rentner aus einem netten Stadtteil in Bielefeld, hatte die Nachbarskinder Milli und Molli am Halloweenabend mit einem Schlachtermesser erschreckt. Unabsichtlich. Hier der Vorbericht.

November – Halloween – Gerwin Heinrich (home.blog)

Nun galt es, die Wogen zu glätten. Hier setzt die Geschichte fort.

Heinz hatte einige Tage Zeit zwischen Halloween und St. Martin, und er wollte sich gut vorbereiten, für den Fall, dass am Heiligen Abend Kinder mit ihren LED-Butterbrotpokemonlampen vor seiner Tür stehen würden. Kerzen kamen schon lange nicht mehr zum Einsatz, nachdem der Brandschutz in der Fredvomjupiter-Grundschule alle Bastelaktivitäten von Lehrerin Gitta Gabelfuß untersagt hatte.

Während die Kinder in Köln den edlen St. Martin feierten, gab es in Ostwestfalen unterschiedliche Herangehensweisen an das Klingeln an Haustüren. Die Katholen zogen los, weil Martin nun bei Gott zu den Auserwählten gehörte. Im Jahr 2004 aktualisierte die römisch-katholische Kirche das Martyrologium Romanum, in dem 6650 Heilige und Selige sowie 7400 Märtyrer verzeichnet sind. Die genaue Anzahl aller Heiligen und Seligen bleibt unbekannt. Die Protestanten hingegen zogen mit Leuchtstäben zu Ehren von Martin Luther umher. Zwar war er kein Heiliger, aber Bielefeld war eben protestantisch. Punkt. Und die anderen? Die Ungläubigen? In Bielefeld gab es auch noch die Lutter. Aber zu Ehren eines Baches herumzulaufen hätte höchstens das Tiefbauamt erfreut, die dieses Rinnsal zu einer neuen Chillout-Ehrenpromenade ausbauten.

Doch Heinz Boddenstedt war das alles egal. Er musste sicherstellen, dass die Menschheit weiterlebt und die Kinder alte Traditionen fortführen. Dann klingelte es.

„Latäääärne, Latäääärne, Sonnä, Mond und Stärne“ hallte es aus den Mündern der vier Kinder, die mit Pennywise-Fratzenlaternen vor der Tür standen. Eigentlich war es recht praktisch, wenn man Halloween und St. Martin mit solchen Laternen verbinden konnte. Warum konnten die Kinder heutzutage nicht mehr singen? Lag es am Corona-Singverbot? Oder konnten die Grundschullehrerinnen nicht mehr singen? War Rolf Zuckowski in Rente gegangen oder gar gestorben? Das wollte Heinz nicht wissen.

Heinz selbst war das alles egal. Er rannte in die Küche, hatte kleine Zellophantütchen gepackt mit Mandelkern, Haselnuss, gespaltenen Walnüssen und Zimtecken. Nüsse galten als edel. Jeden zweiten Winterabend schaute Heinz sich „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ an. Als er den Kindern seine Nussmischung überreichen wollte, sagte einer der Martinssinger: „Ey, ich habe eine Nussallergie. Wenn ich auch nur ein Fitzelchen davon esse, sterbe ich an einem anaphylaktischen Schock. Das ist die maximale Reaktion einer anaphylaktischen Reaktion, also der Überempfindlichkeitsreaktion des Immunsystems auf eine bestimmte Substanz und akut lebensbedrohlich. Willst du mich umbringen?“

Oh nein, dachte Heinz. Er wollte nicht im Gefängnis landen. „Hast du keine Milchschnitte? Oder ein Kinder-Joy?“ fragte der Pennywise-Fratzenlaterneträger. Das Wort „Überraschungsei“ wurde abgeschafft, weil Ferrero auch in Amerika tätig sein wollte. Ein US-Gesetz von 1938 untersagt Süßigkeiten, die nicht essbare Objekte enthalten – ein Ausschlusskriterium für das Überraschungs-Ei. Deshalb heißt es nicht mehr Ei, sondern Joy.

Das wusste Heinz natürlich nicht. Wieder konnte er keine Kinder glücklich machen. Zehn Minuten später klingelte es erneut.

Zehn Minuten später ertönte erneut das Klingeln.

„Durch die Straßen auf und nieder leuchten die Laternen, wieder rote, gelbe, grüne, blaue, lieber Martin, komm und schaue!“ Heinz war zwar nicht Martin, öffnete jedoch trotzdem die Tür, dieses Mal besser vorbereitet. Es fiel ihm schwer, als er in den Keller ging, um die echten Glastonbury-Weingummis hochzuholen, die ihm sein Schwager John McMuffin geschickt hatte. Megalecker. Aber nach dem Reinfall mit den Nüssen sollte nun Süßigkeiten die Kinder erfreuen.

Rasch lief er mit den Weingummis zur Tür, als ein Kind mit einer Biene Maja-Laterne aus gebrauchten Tetrapaks fragte, ob in dem Gummizeug Schwein enthalten sei, da Gelatine ja zur Herstellung von Haribos verwendet werde. Nun gibt es das V-Label auf den Harald Rieger Bonn-Beuteln. Dank einheitlicher Kriterien und regelmäßiger Kontrollen ist es eine international anerkannte Kennzeichnung für vegane und vegetarische Produkte. Es wird von einer unabhängigen Stelle vergeben und ermöglicht es der Firma, auch Veganer und Muslime zu beglücken.

„Ist da Schwein drin?“ wiederholte das Kind mit der Biene Maja-Laterne. Heinz verstand immer noch nicht. Er schaute auf die Verpackung und antwortete: „Nein, da ist kein Schwein drin. Das ist kein Schweingummi. Das ist Weingummi! Sehr lecker.“

„Iiihhh, der alte Mann will uns Alkohol geben“, schrien die Kinder und rannten zur Helikoptermama, die sofort die Suchtberatungsstelle anrufen wollte. Heinz war frustriert. Keine Nüsse, keine Weingummis. Was nun?

Es klingelte ein drittes Mal.

Vor ihm stand ein Junge im Darth Vader-Anzug. In einer Hand ein Laserschwert, in der anderen ein Handy. Darth Vader-Junior tippte auf das Handy, und es erklang ein altes Lied, das Heinz aus seiner Kindheit kannte: „Ich bin ein kleiner König, gebt mir nicht zu wenig, gebt mir einen Silberling, der froh in meiner Tasche klingt.“

Heinz wollte es nun wissen. Kam dieser Sankt-Martin-Star Wars-Junge wirklich aus der Zukunft? War es ein Enkel von Elon Musk? Arm sah er nicht aus. Brauchte er wirklich Geld?

Heinz wollte ihn herausfordern und sagte: „Ich habe kein Geld mehr zu Hause. Und vor allem keine Silberlinge. Ich habe nur noch Bitcoins.“ Tja, nun hatte er den Kleinen.

Aber Darth Vader Junior konterte: „Hey Alter, kein Problem, schick mir einfach einen Bitcoin hier auf meine Wallet, das geht über Bluetooth oder über das Laserschwert. Das ist Zukunft. Du kannst auch den Ledger nehmen. Da werden die Bitcoins dann per Zahlencode übertragen, und wir schalten alle Banken aus.“

Heinz holte sein Telefon und tippte den Kurs für zwei Euro ein. Es waren 0,00006 Bitcoin. Sankt Martin war im neuen Jahrtausend angekommen. Steckte Milli oder Molli unter der Maske? Nobody knows.

November – Halloween

Hanno Boddenstedts Vater Heinz, wusste nicht, was los war.

Früher war mehr Lametta. Und nun? Der November war zu warm; alle warteten auf den Black Friday und nicht auf Sankt Martin. Wo waren die vielen Kinder, die früher immer an seiner Haustür geklingelt hatten, mit Plastiktüten und Laternen?

Lag es an dem Stadtteil, in dem er wohnte, der von Silbernacken bevölkert war? Junge Familien wohnten eigentlich im Speckgürtel der Stadt. Aber in Heinz Bodenstedts Nachbarschaft waren neue Wohnsilos auf dem letzten Acker gewachsen. Letztes Jahr wurden sie bezogen.

Oft sah er die Geschwister Milli und Molli mit ihren Freunden auf dem Spielplatz, wenn er dort auf der Bank seinen Kümmerling trank. Sie wohnten noch nicht lange hier.

Ach, es gibt doch noch eine neue Generation. Die Zukunft ist gesichert. Wie liebreizend ihm die Geschwister im Sommer einen Kranz aus Gänseblümchen bastelten.

Und MilliMolliMama wusste, dass ihre Kinder auf dem Spielplatz gut überwacht sind, wenn Heinz dort saß und die Bäckerblume las. Aber Zeiten ändern sich. Was ist aus St. Martin geworden? In den letzten Jahren gab es viele Diskussionen darüber, wie das Fest weitergeht.

Aus Sorge, der Bezug zu Sankt Martin könnte Migranten mit nicht-christlichem Hintergrund ausgrenzen, forderten einige eine Umbenennung in „Sonne, Mond, Sterne“-Fest oder „Lichtfest“. Ein Sankt-Martin-Darsteller im nordrhein-westfälischen Niederkassel darf bei künftigen Umzügen nicht mehr auftreten. Grund für diese drastische Maßnahme ist eine Äußerung des Sankt Martins, der offenbar bei der Ausgabe der Weckmänner am 6. November laut und deutlich von sich gab, dass Sankt Martin doch ein christliches Fest sei und eine Bewohnerin dieses Städtchens mit einem anderen Glaubensverständnis legte Beschwerde ein. Und in Essen sollte der Martinsdarsteller ganz klassisch auf einem Pferd unterwegs sein. Doch das ist krank geworden. Also, was tun? Die kurzfristige Lösung: Motorrad statt Pferd. Da der Martinsdarsteller aber keinen Motorradführerschein besitzt, wurde er gefahren.

Und in Bielefeld geht der christliche Pfarrer zusammen mit den satanarchäolügenialkohöllischen Wunschpunsch-Schauspielern des Weihnachtsmärchens des Theaters durch die Innenstadt. Himmel trifft Hölle.

Auch Weihnachten soll umbenannt werden: Jahresendfeier.

Die Gleichstellungskommission der Europäischen Union hatte in einem Leitfaden, der von der Union of Equality (Union der Gleichheit) veröffentlicht wurde, empfohlen, Wörter wie Weihnachten und christliche Namen wie Maria zu vermeiden, da sie als potenziell diskriminierend angesehen wurden. Der Leitfaden wurde mit dem Ziel erstellt, eine „inklusive Kommunikation“ sicherzustellen, die Menschen unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Religion oder ethnischer Zugehörigkeit wertschätzt und anerkennt. Die Mitarbeiter der EU-Kommission sollten nicht voraussetzen, dass alle Christen sind und dementsprechend christliche Feiern begehen. Sensibilität gegenüber Personen, die nicht dem Christentum angehören, wurde betont. Daher wurde empfohlen, das Wort Weihnachten durch neutralere Ausdrücke zu ersetzen.

Anstelle von „Die Weihnachtszeit kann anstrengend sein“ sollte laut dem Leitfaden beispielsweise „Die Ferienzeit kann anstrengend sein“ verwendet werden. Es wurde auch darauf hingewiesen, keine Namen zu verwenden, die ausschließlich einer Religion zugeordnet werden, wie beispielsweise „Maria und John“. Stattdessen wurde vorgeschlagen, in solchen Fällen neutralere Namen wie „Malika und Julio“ zu verwenden. Nach heftigen Protesten hat die Gleichstellungs-Kommissarin Helena Dalli den Leitfaden zurückgezogen. (Quelle: Berliner Zeitung)

Heinz erinnerte sich an frühere Zeiten, als er im letzten Jahrtausend über den Dorfplatz mit seinen Freunden und echten Martinsfackeln zog und sang: Ich bin ein kleiner König. Gebt mir nicht zu wenig. Gebt mir einen Silberling, der froh in meiner Tasche klingt. Deutsches Kulturgut. Naja, nicht unbedingt. Geld war Heinz immer noch lieber als die Mettwürste, die die Bauernschaft ihm gaben, wenn er seinen Martinssong sang. Kulturgut?

Am 31.10.2023 kam Heinz aus dem Reformationsgottesdienst, und an seiner Tür klingelte es. Heinz öffnete die Tür. „Trick or treat!“ schrie dort ein kleiner Gnom mit Scholz-Maske. Heinz verstand nicht, was das sollte. „Trick or treat!“ brüllte der kleine Gnom noch einmal. „Nein, ich habe schon alles!“ antwortete Heinz und machte die Tür zu. Er braucht kein Trick und kein Treat. Scholzgnom klingelte erneut: „Hey, das heißt „Süßes oder Saures!“. Heinz verstand immer noch nicht und bat den Gnom, ihm doch etwas Süßes zu geben. Der Gnom klärte ihn auf, dass es Halloween sei und die Nachbarn den Kindern Süßigkeiten geben. Sollten die Erwachsenen das nicht machen, würde man ihnen einen Streich spielen. Heinz knallte die Tür zu. Was soll der kleine Gnom machen? Riesenbaby.

Heinz ging ins Wohnzimmer. Als er wenige Sekunden später mehrere Plopps hörte, ging er zurück zur Haustür, öffnete sie, und der Gnom war weg. Aber das komplette Küchenfenster war mit Eiern beworfen. Langsam glibberte das Eigelb am Fensterahmen herunter. „Na warte“, dachte Heinz. „Was du kannst, kann ich auch!“. Heinz putzte das Fenster und setzte sich vor den Fernseher, um die 1234. Folge von „Herzrosen“ zu sehen. Mit einem Kümmerling und einer Rama-Roggenbrotscheibe machte er es sich gemütlich. Feierabend.

Es klingelte erneut, doch dieses Mal war Heinz vorbereitet. Leise schlich er in die Küche und griff nach dem großen Schlachtermesser. Der Knauf wurde mit Rote-Bete-Saft besudelt, und seine Hand trug ebenfalls die makabre Spur. Ein schauriges Bild sollte den ungebetenen Störenfried abschrecken. Mit entschlossenem Schwung riss er die Tür auf, wirbelte das Messer in der Luft und…………….

Doch anstelle des erwarteten Gnomes standen zwei Kinder im Prinzessinnenkostüm vor ihm, mit abgeschnittenen Köpfen und Süßigkeitenbeutel in den Händen. Es waren Milli und Molli, die Nachbarskinder vom Spielplatz. Hinter ihnen tauchte ihre Mutter im Hotzenplotz-Look auf. Die Geschwister erschraken zutiefst, kreischten, weinten und flohen. Heinz, überwältigt von Schuldgefühlen, fragte sich, welche Konsequenzen ihm nun drohten. Würde das Jugendamt einschreiten oder die Polizei? Könnten sogar Medien wie RTL oder die Bildzeitung auf den Vorfall aufmerksam werden?

Fortsetzung folgt.

Oktopus

In der düsteren Wüste Afrikas, weit weg von ihrer einstigen Heimat in Bielefeld, kämpfte die Familie Boddenstedt verzweifelt um ein neues Leben. (Siehe Blog Eintrag)  Doch die mächtigen Sandstürme, die wie gefräßige Ungeheuer über sie hinwegfegten, zerstörten all ihre Hoffnungen. An diesem Schicksalshaften Samstag brach Hanno Boddenstedt, der tapfere Familienvater und Vater von drei kleinen Bälgern, auf zum Kesselbrinkmarkt. Sein Herz sehnte sich nach dem holländischen Fischwagen, wo er jeden Samstag seinen geliebten Backfisch verzehrte, selbst um 9 Uhr morgens. Doch heute sollte alles anders sein, denn der Backoktopus stand im Mittelpunkt des Geschehens.  Hanno begrüßte seinen Freund Piet Mattenfried mit einer beinahe überwältigenden Freude, als er den gebackenen Oktopus probieren durfte. „Warum Oktopus?“ fragte Hanno, und Piet verließ seinen Verkaufswagen, um Hanno die erstaunliche Geschichte zu erzählen, die von seinem Lieferanten Michelle Germain aus der Bretagne stammte.

In der Bretagne, an der französischen Atlantikküste, begann ein faszinierendes Drama. Michelle Germain, ein Fischer aus Port Louise, tauchte frühmorgens in die tosenden Fluten ein, um nach Krustentieren zu suchen, so wie sein Vater es getan hatte. Doch seit zwei Jahren hatte sich alles verändert. Vor Port Louise bevölkerten plötzlich Unmengen von Oktopussen das Meer. Der milde Winter hatte ideale Bedingungen für die Kopffüßer geschaffen, die sich rasant vermehrten.

Diese hungrigen Kreaturen stahlen den Fischern ihre Beute, darunter Jakobsmuscheln. Doch sie selbst wurden zu begehrten Schätzen. Viele Fischer wechselten zu der profitablen Oktopus-Fischerei. Es war ein Goldrausch in der Bretagne, und die Ozeane füllten sich mit den glibberigen Geschöpfen.

Oktopus, Oktopus und noch mehr Oktopus – anstelle von Seespinnen, Taschenkrebsen und Hummern. Die Geschichten, die die bretonischen Fischer erzählten, klangen wie Sagen aus einer anderen Welt. Die Fangmengen stiegen sprunghaft an, und an manchen Küstenabschnitten war der Fang fünfzehnmal so hoch wie im Vorjahr. Die Fischer hatten umgesattelt und fischten nur noch Oktopusse.

Niemand konnte erklären, woher die Oktopusse so plötzlich aufgetaucht waren. Die kalten Winter hatten sie lange Zeit an der Atlantikküste verschwinden lassen. Der Klimawandel konnte als Ursache nicht eindeutig festgestellt werden, da viele Faktoren mitspielten, darunter Strömungsmuster.

Sobald die weiblichen Oktopusse groß genug waren und die Geschlechtsreife erreichten, legten sie zwischen 100.000 und 500.000 Eier, bevor sie starben. Die Jungtiere schlüpften aus den Eiern und trieben als winzige Kraken bis zu drei Monate lang durch die offene See, wo sie sich von Garnelenlarven ernährten. Das Zusammenspiel von Temperatur, Strömung und Überfischung der natürlichen Feinde war noch weitgehend unerforscht.

Zunächst jubelten die Fischer über ihr unerwartetes Glück, doch bald trat Skepsis auf. Die gierigen Oktopusse verzehrten hauptsächlich Jakobsmuscheln, Langusten und Hummer, teure Delikatessen, die in Frankreich traditionell zu Weihnachten serviert wurden. Die Menge der Jakobsmuscheln ging dramatisch zurück, und die Fischer befürchteten Probleme zu Weihnachten und im kommenden Jahr.

Hanno war tief bewegt. Die Welt veränderte sich in atemberaubendem Tempo. Was sollte aus den Ozeanen und würden seine Kinder jemals Tintenfisch essen? Die Zeiten der Fischstäbchen schienen gezählt zu sein. Könnte man Oktopusse in kindgerechte Fischblöcke formen?“

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Jetzt starten