
In der Weihnachtsmarktsaison 2026 darf nur noch auf das Gelände, wer auf seinem Smartphone eine offizielle App installiert hat, in der grundlegende Profildaten hinterlegt sind – Name, Geburtsdatum, optional eine Mailadresse, angeblich „nur für die Sicherheit und zur besseren Besucherlenkung“. Am Eingang entstehen Schlangen vor provisorischen Kontrollinseln: Wer die App nicht hat, muss sie noch schnell im WLAN der Stadt herunterladen, wer kein Smartphone besitzt, wird an eine kleine Containerbude verwiesen, wo „Ersatz-Zutrittskarten“ ausgegeben werden, gegen Ausweisscan und Unterschrift auf einem langen Datenschutzformular.
Weihnachten 2026 kehrt der Bielefelder Weihnachtsmarkt damit gleichzeitig heller und kontrollierter zurück als je zuvor; Betonblöcke und Wassercontainer stehen dichter, Kameras überwachen die Zugänge, und auf großen Monitoren flimmern Hinweise, dass man mit der App auch „Highlights speichern“ und „Routen planen“ kann. Viele Bielefelder sprechen von einer „Festung Weihnachtsmarkt“, und doch drängen sich mehr Menschen denn je zwischen Glühweinständen und LED-Schneeflocken, ihre Displays wie kleine Zusatzlichter in der Hand.
Jan hat ein widersprüchliches Jahr hinter sich. Der Clip von seinem Auftritt am Honigkuchenstand ging viral, brachte ihm ein paar gebuchte Auftritte und einen kurzen Fernsehbeitrag, aber der große Durchbruch blieb aus. Sein alter Chorleiter spricht bis heute nicht mehr mit ihm, dafür hält Ciano Galetto, der Theatermann, zu ihm, besetzt ihn in einer Weihnachtsrevue, bis auch diese Produktion dem Rotstift zum Opfer fällt. Am 23. Dezember 2026 sitzt Jan wieder mit seiner alten, leicht verbeulten Box an einem offiziellen Musikspot am Rand des Marktes, registriert über die neue App als „Straßenmusiker im Rahmenprogramm“, innerlich aber überzeugt, dass seine Zeit gewesen ist.
Auch Heidi hat ihr Jahr gespürt. Die steigenden Standgebühren und explodierenden Energiepreise zwingen sie im Frühjahr, ihren Honigkuchenwagen aufzugeben; sie arbeitet an der Kasse eines Discounters und backt nachts weiter für treue Stammkunden. Im Sommer ergattert sie einen Platz in einer städtischen „Regional-Box“, darf beim Weihnachtsmarkt 2026 dabei sein, allerdings jede Woche an einem anderen Ende des Marktes, immer ein bisschen am Rand, nie ganz mitten im Geschehen; jede Ortsverlegung ploppt als Push-Nachricht in der App auf.
An diesem Abend beginnt es zu schneien, während Jan seine Setliste zum dritten Mal durchgeht und ihm seine eigenen Lieder vorkommen wie eine abgenutzte Playlist, die zu einem anderen Leben gehört. Er spielt mechanisch, nickt den vorbeiziehenden Menschen zu, von denen die meisten an der Zugangsschleuse kurz ihr Handy hochgehalten haben, und fragt sich, ob der Moment am Honigkuchenstand damals nicht einfach ein Zufall war, eine Laune des Algorithmus, die sich nicht wiederholt. Dann hört er hinter sich ein Lachen, das er sofort erkennt. Heidi steht neben ihm, mit einer Thermoskanne in der einen Hand, einem Tablett mit übrig gebliebenen Honigkuchenstücken aus ihrer Wanderbox in der anderen und einem Handy, auf dessen Display noch das grüne Häkchen der Zugangskontrolle zu sehen ist.
Sie wirkt müde, die Augen haben diese feinen Schatten, die man von Nachtarbeit kennt, aber sie lächelt, als wäre es immer noch der erste gemeinsame Abend zwischen Wassercontainern und Kinderkarussell. „Na, Millionär, spielst du immer noch für Kleingeld – und jetzt auch für die Stadt-App?“, fragt sie, und Jan lacht so erleichtert, dass ihm kurz die Stimme wegbleibt. Sie reden nicht lange über das Jahr – nicht über gestrichene Theaterprojekte, nicht über Nachtschichten, nicht über Mahnungen –, sondern über Kleinigkeiten: welcher Glühweinstand verschwunden ist, welche Lichter neu sind, und dass der Markt jedes Jahr ein bisschen mehr nach Kontrolle und ein bisschen weniger nach Unbeschwertheit riecht.
Dann sagt Heidi plötzlich: „Komm, wir machen’s wie damals. Dieses blöde Lied. Damit wir wissen, dass wir noch da sind – nicht nur als Profil in dieser App.“ Jan will zuerst abwinken – er hat „Last Christmas“ in den letzten Monaten viel zu oft gehört, als wäre es eine Dauerschleife seines eigenen Werdegangs –, aber ihr Blick ist so ernst hinter dem Scherz, dass er schließlich nickt. Er schaltet die kleine Box ein, die schon bessere Tage gesehen hat, räuspert sich und setzt viel zu tief an. Heidi steigt daneben ein, wie immer einen Tick zu hoch.
Die ersten Takte gehen fast in der Geräuschkulisse des Marktes unter, zwischen Bratwurstdunst, Durchsagen aus der App und dem Dröhnen der Fahrgeschäfte. Dann bleibt jemand stehen. Eine Frau stößt ihren Begleiter an: „Schau mal, das sind doch die von damals, aus diesem Clip…“, und schon zieht sie ihr Handy, auf dem die Weihnachtsmarkt-App ohnehin geöffnet ist, und wechselt nahtlos zur Kamera. Ein Handy wird gezückt, dann das nächste, und plötzlich stehen vor der kleinen, verbeulten Box mehr Menschen als vor manch offizieller Bühne des Rahmenprogramms.
Jan und Heidi singen schief, wie immer, aber sie singen mit einer Entschlossenheit, als müssten sie durch Beton, Wasserstahl und Bildschirme hindurchklingen. Zwischen den Sicherheitsblöcken bildet sich ein improvisierter Chor aus Fremden, die den Refrain lauter übernehmen, als es die beiden je könnten; manche halten das Handy weiter hoch, andere lassen es sinken und singen einfach mit. Für ein paar Minuten hebt sich etwas von der schweren Rüstung, die der Markt trägt: Die Kameras zeichnen zwar weiterhin alles auf, die Blöcke stehen unverrückbar, und die App zählt im Hintergrund anonymisierte Besucher, aber in den Gesichtern vor Jan und Heidi liegt Wärme, die keine LED und keine Nutzeroberfläche nachahmen kann.
Als das Lied verklingt, legt Heidi ihm eine Hand auf den Arm. „Siehst du“, sagt sie leise, „wir sind immer noch da. Nicht nur als Datensatz.“ Jan schaut in die Menge, in der noch Handys hochgehalten werden, und ahnt, dass wahrscheinlich schon das nächste Video unterwegs ist, irgendwo in die Feeds dieser Stadt. Zum ersten Mal seit Monaten ist ihm das egal. Es reicht ihm, dass die Leute gerade eben nicht nur gefilmt, nicht nur ihr Zutritts-Häkchen vorgezeigt, sondern mitgesungen haben.
Zwischen Betonpollern, Wassercontainern, Zugangsscannern und einem wandernden Honigkuchenstand begreift er, dass sein größter Erfolg vielleicht nicht in Klickzahlen oder Profilaufrufen liegt, sondern in der Fähigkeit, diesen Ort für ein paar Minuten in etwas Warmes zu verwandeln – und dass Heidi, mit ihrer Thermoskanne, den krummen Honigkuchenstücken und ihrem Trotz gegen allzu viel Kontrolle, der wichtigste Teil dieses Erfolgs ist.


















