Bundesjugendspiele

Es war der letzte Schultag. Die Bundesjugendspiele werden abgeschafft. Schulaufsichtsbeamter Hügelbusch lud zu einer Podiumsdiskussion ein. Auf der Bühne saßen Lehrerin L.Credi, Sekundärschulleiter Herr Schnepel, die Influencerin Macy und Christina Funk. Funk war stinkesauer und startete eine Petition.

Ihr neunjähriger Sohn kehrte weinend nach Hause, das Herz gebrochen von den Bundesjugendspielen. Eine Teilnahmeurkunde – die schändlichste aller möglichen Auszeichnungen – ist alles, was er erreicht hatte. Doch das ist nicht genug für die Mutter aus Bielefeld. Sie ergreift das digitale Megafon und rief die Politiker dazu auf, diesen gnadenlosen Leichtathletik-Wettbewerb zu verbannen. Die Bundesjugendspiele, behauptete sie, zermürben die Schüler, sind sinnlos und unfair. Von weit her kommen ihre Klagen und finden Gehör bei über 20.000 Menschen, die ihr beipflichten.

Die Bundesjugendspiele, eine Institution seit 1951, wurden einst mit dem Versprechen ins Leben gerufen, das Gefühl der Zusammengehörigkeit zu wecken und einen fröhlichen Wettkampfgeist zu entfachen. Doch sie haben das Gegenteil bewirkt. Statt Teamgeist herrscht nun ein Klima des Konkurrenzkampfes, in dem Schüler gegeneinander antreten und ihre Leistungen gnadenlos verglichen werden. Der einstige Spaß am Sport verkümmert zu einem Schatten seiner selbst, während die ganze Klasse zuschaut, wie diejenigen, die weniger begabt sind, bei den Rennen abgehängt werden oder den Ball beim Weitwurf kläglich vor ihre eigenen Füße schleudern. Und was ist mit den anderen Schulfächern? Wann werden dort diejenigen, die Schwierigkeiten haben, öffentlich bloßgestellt? Schüler mit Leseschwächen dürfen sich vor Vorlesewettbewerben drücken und müssen sich nicht der Demütigung aussetzen. Unmusikalische Kinder können den Chorauftritten fernbleiben, ohne dass man sie dafür verurteilt.

Doch das Ausmaß der Ungerechtigkeit kennt keine Grenzen. Die Bundesjugendspiele sind ein weiterer Schandfleck, denn sie setzen auf die erbarmungslose Einteilung nach Jahrgängen. Wie können wir es zulassen, dass kleinere Schüler beim Rennen und Springen von vornherein benachteiligt sind, nur weil sie physisch weniger entwickelt sind als ihre größeren Altersgenossen? Die Wettkämpfe sollten zumindest freiwillig sein, damit sich die Besten mit den Besten messen können. Den anderen blieben so Enttäuschung und Tränen erspart, die ihr zartes Gemüt zerfressen.

Die Zeit ist gekommen, die Stimmen der Vernunft zu erheben, damit diese ungerechte und demotivierende Institution der Vergangenheit angehört. Lasst uns das Leid der unschuldigen Kinder beenden, die sich dem grausamen Scheinwerferlicht der Bundesjugendspiele ausgesetzt sehen. Lasst uns eine Welt schaffen, in der der Sport ein Mittel der Freude, der persönlichen Entwicklung und des Miteinanders ist, anstatt ein Instrument der Scham und der Tränen. Der Ruf der Mutter aus Bielefeld hat eine Flutwelle der Zustimmung entfacht.

In der Aula sprang Schüler Fred Feldmann auf und klatschte. Er hatte ein kleines Bäuchlein, ein Moppelchen mit Flatrate bei McDonalds. Er hasste den Geruch der alten blauen Sportmatten und das Gefühl beim Wählen von Mannschaften immer letzter zu sein. Immer wenn Bundesjugendspiele waren, dann konnte er seinen Schachclub nicht besuchen, den er als Vorsitzender der Primar-Schülerriege leitete. Auch Influencerin Macy applaudierte. Sie hatte 10000 Follower auf Tik Tok, die von Demütigungen durch Mitschüler und vor allem Lehrer berichtete. Fred Feldmann wurde Follower Nummer 10001.

Herr Schnepel sprach sich für die Bundesjugendspiele statt:

„ Die Bundesjugendspiele sind eine gemeinsame Erfahrung, die ihr mit euren Eltern und Großeltern teilt. Seit Jahrzehnten gehören sie zu Deutschland und jährlich nehmen rund fünf Millionen Schüler daran teil. Trotz der Beschwerde von Christine Finke (siehe vorheriger Textabschnitt) hat eine Umfrage ergeben, dass die Mehrheit der Bürger die Bundesjugendspiele behalten möchte. Offensichtlich erinnern sie sich gerne an diese Zeit zurück.

Die Wettkämpfe bieten nicht nur eine willkommene Abwechslung vom Unterricht. Gerade die Tatsache, dass alle Schüler daran teilnehmen müssen, verdeutlicht die Wichtigkeit von Sport. Ärzte beklagen schon lange, dass viele Kinder sich zu wenig bewegen. Ein Wettbewerb, für den sie trainieren und bei dem sie sich anstrengen müssen, kann ihnen nur guttun. Wer weiß schon, ob ein Schüler, der bei den Bundesjugendspielen schlecht abschneidet, nicht gerade dadurch angeregt wird, in Zukunft mehr Sport zu treiben und im nächsten Jahr bessere Leistungen zu erzielen? Jeder geht schließlich unterschiedlich mit Niederlagen um.

Ein weiterer wichtiger Aspekt, den der Leichtathletik-Wettkampf lehrt, ist der Umgang mit eigenen Schwächen. Das Leben besteht nun einmal nicht nur aus Erfolgen – das gilt auch für die anderen Schulfächer. Es wird niemand ernsthaft fordern, eine Mathearbeit aus dem Stundenplan zu streichen, nur weil jemand Schwierigkeiten mit den Aufgaben hat. Warum sollten also für Sportprüfungen andere Regeln gelten?

Es ist doch völlig klar, dass nicht jeder alles gleich gut kann und dass Schüler unterschiedliche Talente haben. Oft glänzen auf dem Sportplatz genau diejenigen, die in Deutschaufsätzen oder Mathearbeiten weniger gut abschneiden. Es ist nur fair, ihnen diesen Erfolg zu gönnen.“

Gaby Haarlich, Dorfschönheit der Klasse 4B, Tennisstar im Vorort pflichtet Schnepel bei. Sie stand gerne im Vordergrund und bestückte die Wand ihres Kinderzimmers monatlich mit Abzeichen und Pokalen, die sie gewonnen hatte.

Ab dem nächsten Jahr werden die Bundesjugendspiele nicht mehr als Wettkampf stattfinden. Damit gibt man den jahrelangen Kampagnen nach. Doch Sport ohne Sieger und Verlierer ist sinnlos. Und auch die Erfahrung des Misserfolgs hilft beim Erwachsenwerden.

Schulaufsichtsbeamter Hügelbusch informierte nun die Anwesenden, dass die Bundesjugendspiele mit der Form der Leistungsmessung nicht mehr stattfinden.

L.Credi, eine leidenschaftliche Grundschullehrerin, hatte sich seit Jahren auf die Bundesjugendspiele vorbereitet und diese mit großer Begeisterung in ihrem Unterricht eingebunden. Sie hatte ihre Schüler motiviert und ihnen geholfen, ihre sportlichen Fähigkeiten zu verbessern. Die Bundesjugendspiele waren für sie ein Höhepunkt des Schuljahres, an dem sie ihre Schüler dabei unterstützen konnte, ihre persönlichen Grenzen zu überwinden und ein Gefühl des Stolzes und der Gemeinschaft zu erleben.

Als L.Credi jedoch die Nachricht erhielt, dass ab dem Schuljahr 2023/2024 nur noch die freiwillige Wettbewerbsform der Bundesjugendspiele in den Klassenstufen angeboten werden würde, war sie zunächst enttäuscht. Sie fragte sich, wie sie diese Veränderung in ihren Unterricht integrieren sollte und ob dies die Motivation und das Engagement ihrer Schüler beeinflussen würde.

Aber L.Credi war eine einfallsreiche und flexible Lehrerin. Sie beschloss, die neue Situation als Chance zu nutzen, um ihre Schüler weiterhin zu inspirieren und ihnen wichtige Werte wie Fairness, Respekt und Teamfähigkeit zu vermitteln. Sie entwickelte alternative sportliche Aktivitäten und Spiele, bei denen ihre Schüler ihre Fähigkeiten und ihren Teamgeist unter Beweis stellen konnten. Sie organisierte kleine Turniere und Herausforderungen, um den Wettkampfgeist aufrechtzuerhalten und den Schülern die Möglichkeit zu geben, sich gegenseitig anzuspornen.

L.Credi erkannte auch, dass die Wettbewerbsform der Bundesjugendspiele immer noch die Möglichkeit bot, den Schülern ein Gefühl des Stolzes und der persönlichen Entwicklung zu vermitteln. Sie setzte sich intensiv mit den individuellen Stärken und Schwächen ihrer Schüler auseinander und ermutigte sie, ihre eigenen Ziele zu setzen und ihr Bestes zu geben. Sie betonte, dass es nicht darum ging, gegen andere Schüler anzutreten, sondern sich selbst zu übertreffen und persönliche Fortschritte zu erzielen.

Die Veränderung der Bundesjugendspiele bedeutete für L.Credi eine Anpassung ihres Unterrichts und ihrer pädagogischen Ansätze, aber sie ließ sich davon nicht entmutigen. Im Gegenteil, sie fand neue Wege, ihre Schüler zu motivieren und ihnen wichtige Lebenskompetenzen zu vermitteln. Sie lud ihr Kollegium ein 300 neue Medaillen zu basteln. In der Schule gab es jetzt schon das Seepferdchen, den Seeräuber, den Bäuchling als Aufnähsticker für die Badehose. Es gab jetzt schon  den Füllerführerschein, Fahrradführerschein, den 1*1 Führerschein und natürlich Belohnungssticker und Stempel und Fleißkärtchen mit den Stars aus Disneys „Frozen“.

Nun musste sie sich etwas anderes überlegen. Gold-Silber und Bronzemedaillen waren passe. L.Credi und ihre Kolleginnen erfanden als neues Abzeichen die „goldene Bärentatze“, das „sprunghafte Gazellenauge“ und den „flinken Hasenfuß“.

L.Credis Geschichte ist eine Erinnerung daran, dass Lehrerinnen und Lehrer in der Lage sind, sich den Herausforderungen anzupassen und auch in Veränderungen Chancen zu sehen. Ihre Hingabe und Kreativität können dazu beitragen, dass Schülerinnen und Schüler auch unter neuen Bedingungen wachsen und erfolgreich sein können.

Nun ist Sommerpause

Hitzeschutz

alzin Hurrein arbeitete im Sicherheitsdienst als Handaufleger. Vor dem Freibad überprüfte er die Sonnenschutzmaßnahmen der Badegäste. Er wartete auf seine weibliche Kollegin, da er die Haut von Mädchen und Frauen nicht berühren durfte. Yalzin legte also seine Hand auf die Haut eines Badegastes, und dann mussten beide zehn Minuten warten. Verfärbte sich die Haut des Badegastes rot, bedeutete das, dass nicht genügend Sonnenschutz aufgetragen wurde. Der Gast durfte dann nicht ins Wasser und erhielt ein Verwarngeld in Höhe von 100 Euro, da er die nationale Sicherheit gefährdete. Beim örtlichen Fußballverein wurden neue Trikots eingeführt. Die Spieler trugen lange Ärmel und Strumpfhosen sowie Kappen. Nur um 22 Uhr und morgens um 7 Uhr gab es Ausnahmen von diesen Vorschriften.

Die Bundesregierung kaufte eine Million Tonnen Sonnencreme aus China mit Coronaschutzpaste. Andere Sonnenschutzmittel wurden verboten. Im Jahr 2022 gab es in Deutschland etwa 4.500 Hitzetote, darunter viele ältere Menschen oder Personen, die sich völlig überhitzt ins kalte Wasser stürzten. Kommissarin Petra Schweger fand das seltsam, da sie oft Protokolle bei Verkehrsunfällen aufnehmen musste. Im Jahr 2022 wurden 358.000 Menschen bei Verkehrsunfällen verletzt und es gab 2.782 Verkehrstote. Warum wurde kein Aktionsplan eingeführt oder warum wurde das Autofahren nicht verboten? Oder warum wurden nicht alle Wildschweine getötet, da es zu mehr als 3.000 Unfällen kam? Es gab auch immer mehr Menschen, die durch Sex starben. Das sollte ebenfalls verboten werden.

Die Sonne brannte erbarmungslos auf die Straßen Deutschlands herab, während die Menschen in der sengenden Glut nach Erleichterung suchten. Inmitten dieser Hitzewelle wurde den Deutschen klar, dass der Hitzeschutz viel einfacher und kostengünstiger war als gedacht. Spanien, Griechenland und Italien hatten es bereits vorgemacht, und nun war Deutschland gezwungen, das öffentliche Leben radikal zu verändern.

Die Umstrukturierung

Früher hatten die Deutschen über die vermeintlich faulen Südeuropäer gelacht, die ständig Siesta hielten. Doch nun mussten sie sich eingestehen, dass diese Gewohnheit klug und überlebensnotwendig war. Die Geschäfte öffneten von 7:00 bis 11:00 Uhr und am Abend von 17:00 bis 22:00 Uhr, um den Menschen eine Auszeit von der brütenden Hitze zu geben. Selbst die Behörden passten ihre Arbeitszeitmodelle an, um ihren Beamten einen angemessenen Hitzeschutz zu bieten.

Ein weiterer Hitzeschutz bestand darin, die Autos aus den überhitzten Städten zu verbannen und die Betonwüsten in lebendige grüne Oasen zu verwandeln. Die heilsame Wirkung von Pflanzen auf das Mikroklima wurde deutlich. Fassadenbegrünungen boten nicht nur entsiegelte Flächen im öffentlichen Raum, sondern schufen auch eine kühlende Verdunstungskälte. Die Blätter der Pflanzen spendeten nicht nur Schatten, sondern brachten auch eine erfrischende Brise. Das verdunstende Wasser wirkte wie eine natürliche Klimaanlage, und so blieb es selbst hinter der vollen Südseite von Räumen angenehm kühl, ohne dass eine konventionelle Klimaanlage benötigt wurde. Im Winter, wenn die Blätter abfielen, erwärmte die Sonne das Haus. Beides trug zur Einsparung von Energie und CO2 bei.

Friedensreich Hundertwassers Manifest über die Begrünung der Städte gewann zunehmend an Bedeutung. Baumpflanzaktivistin L.Credi, inspiriert von seinen Ideen, spielte mit dem Gedanken, ob sie einen Anruf von der Bundesregierung erhalten würde. Vielleicht benötigten sie ihre Fachkenntnisse und Erfahrungen in diesem kritischen Moment. Doch während L.Credi in ihren wohlverdienten Sommerferien war, blieb ihr Telefon ausgeschaltet.

Die Stadt erwachte langsam aus ihrem Dornröschenschlaf. Die Menschen erkannten die Dringlichkeit des Hitzeschutzes und die Notwendigkeit, nachhaltige Maßnahmen zu ergreifen. Die grüne Revolution gewann an Fahrt, und Bürgerinnen und Bürger engagierten sich gemeinsam, um ihre Städte lebenswerter und klimafreundlicher

Hundertwasser

Was für ein unvergesslicher Augenblick! Die Bühne war im Scheinwerferlicht erstrahlt, während die Menschenmassen atemlos warteten. L.Credi, die einst mit ihrer weltweiten Baumpflanzinitiative Ruhm erlangte, wurde nun zur Bundesgartenschau eingeladen. Doch das war nicht alles, denn L.Credi war nicht nur eine begnadete Sängerin, sondern auch eine Verfechterin des Umweltschutzes.

Nach dem verheerenden Sombrero-Skandal, bei dem mutige Rentnerinnen es wagten, mit Sombreros auf der Bühne „Viva Mexiko“ zu singen, lag nun die Aufgabe auf L.Credis Schultern, den Ruf der Gartenschau zu retten und die Show auf ein neues, beispielloses Niveau zu heben. Ihre einzigartige Bewegung, bekannt als „Zuhaitza“, hatte eine Flammenwoge entfacht, die sich mit der „Fridays for Future“-Bewegung vereinte und wie ein Sturm um die ganze Welt tobte. Das Wort „Zuhaitza“, das auf Baskisch Baum bedeutete, wurde zum Symbol des Kampfes gegen den Klimawandel und zur unverkennbaren Stimme für die unersetzliche Bedeutung der Bäume in unserer Zukunft.

Und nun stand L.Credi hier, bereit, in dem neuen E.Mobil von Bielefeld voranzufahren. Auf dem Auto prangten die Namen der Sponsoren, die die neue Ära der Elektromobilität unterstützten. Doch L.Credi konnte sie nicht ertragen, denn in ihrer Schulklasse, die sie als Lehrerin betreute, befanden sich Pablo, Guan und Estobar als die 31. bis 33. Schüler. Diese drei Kinder waren aus der peruanischen Wüste vertrieben worden, weil dort Lithium für die Herstellung neuer Autos abgebaut wurde. Ihre Familie war nach Deutschland geflohen, auf der Suche nach einem besseren Leben.

Am Steuer des Wagens saß ihre treue Freundin LEGO, die L.Credi auf Schritt und Tritt begleitete. LEGO hatte ein revolutionäres Auto entwickelt, das mit vergorenen Sojabohnen betrieben wurde. Ein einfacher schwarzer Behälter auf dem Dach genügte, in dem die Bohnen zu Gas vergammelten und das Auto antrieben. Doch LEGO hatte auch dafür gesorgt, dass der Oberbürgermeister der Stadt Bielefeld auf dem Rücksitz Platz nehmen musste. Auch er war eingeladen, um die neue Ikone der Klimabewegung bei der Bundesgartenschau zu feiern.

Mit aufgeregtem Herzklopfen sprach LEGO die Eröffnungsworte für L.Credi aus. Die Worte mussten perfekt sein, daher hatte L.Credi sie auswendig gelernt. Sie würde das Baummanifest von Friedensreich Hundertwasser als Lied vortragen. In jeder Grundschulklasse waren Hundertwasserbilder zu bewundern, aber dieses Mal würde es keine langweilige Ausstellung sein. L.Credi würde die Essenz von Hundertwassers Kunst in einem beispiellosen musikalischen Meisterwerk zum Ausdruck bringen.

Ein eintöniger Anblick prägte die Grundschulklassen, in denen die Schüler fleißig Hundertwasserbilder malten…gähnend langweilig. Spiralen und Spiralen. Doch nur wenige von ihnen ahnten, dass der Künstler sich mit Leidenschaft für politische Belange einsetzte. Genauso wenig wussten die Fünftklässler an den Realschulen, die eifrig Keith Haring-Figuren zeichneten, dass Harings Kunst ein Kampf für die Rechte Homosexueller war. Ja, es gab Hundertwassertassen, Handyhüllen und wunderschöne Seidentücher mit seinen Motiven. Doch das, was er vor fast 50 Jahren veröffentlichte, war nun zur erschreckenden Realität geworden.

DEIN FENSTERRECHT – DEINE BAUMPFLICHT 

Friedensreich Hundertwasser 

Wir ersticken in unseren Städten an Luftverpestung und Sauerstoffmangel.
Die Vegetation, die uns leben und atmen lässt, wird systematisch vernichtet.
Unser Dasein ist menschenunwürdig.

Wir laufen an grauen, sterilen Hausfassaden entlang und sind uns nicht bewusst, dass wir in Gefängniszellen eingewiesen sind.

Wenn wir überleben wollen, muss jeder einzelne handeln.

Du musst selbst deine Umwelt gestalten. Du kannst nicht auf die Obrigkeit und auf Erlaubnis warten. Nicht nur deine Kleidung und dein Innenraum, auch deine Außenmauer gehört dir. Jede Art der individuellen Gestaltung ist besser als der sterile Tod.

Es ist dein Recht, dein Fenster und, soweit dein Arm reicht, auch die Außenseite so zu gestalten, wie es dir entspricht.

Anordnungen, die dieses Fensterrecht verbieten oder einschränken, sind zu missachten. Es ist deine Pflicht, der Vegetation mit allen Mitteln zu ihrem Recht zu verhelfen.

Freie Natur muss überall dort wachsen, wo Schnee und Regen hinfallen, wo im Winter alles weiß ist, muss im Sommer alles grün sein.

Was waagrecht unter freiem Himmel ist, gehört der Natur.

Straßen und Dächer sollen bewaldet werden. In der Stadt muss man wieder Waldluft atmen können.

Das Verhältnis Mensch-Baum muss religiöse Ausmaße annehmen.

Dann wird man auch endlich den Satz verstehen: Die gerade Linie ist gottlos. 

Verfasst für die Eurovision TV-Sendung „Wünsch dir was“ am 27. Februar 1972 in Düsseldorf. 

Publiziert in: 

Umwelt. Eine kritische Stellungnahme. Friedensreich Hundertwasser – HA Schult. hrg. von JUNIOR Galerie: Goslar/Deutschland (italienisch, deutsch)

Der Moment der Wahrheit war gekommen. LEGO hatte L.Credi in ein grünes Kostüm gehüllt, ihre Haare zu einem grünen Vogelnest geflochten und ihre Gitarre mit prilblumartigen Gewächsen besprüht. Sie stand auf der Bühne im Landschaftspark, und es war noch ziemlich leer um sie herum.

Würde L.Credis Botschaft die Menschen erreichen? Würden die Massen ihr zuhören?

Zehn Minuten vor ihrem Auftritt waren nur neun Gäste anwesend. Dabei sollten eigentlich mehrere tausend Menschen da sein. Was war passiert? Die Veranstalter hatten den Termin nicht mit dem Fernsehprogramm abgestimmt. An diesem Abend wurde Deutschlands nächstes Topmodel gewählt. Zudem kämpften „Die Auswanderer“ auf VOX ums Überleben in Portugal, und Frau Merkel gab ein Sommerinterview im Fernsehen. McDonald’s feierte außerdem Jubiläum und lud alle Bürger zu einem kostenlosen Burger ein.

L.Credi war nicht gleichgültig, sie war enttäuscht, aber sie wusste, dass ihre Mission richtig war. Plötzlich spürte sie eine Hand auf ihrem Rücken und eine fantastische Stimme unterstützte ihr Manifest mit einem coolen Beatbox-Sound. Sie drehte sich um. Konnte es wirklich wahr sein? Das war unmöglich. Dort stand Mannheims verlorener Sohn, Xavier Naidoo! Was sollte sie von ihm denken? Als Musiker hatte er viele großartige Songs geschrieben, aber er hatte sich mit fragwürdigen Aussagen ins Abseits gestellt. Dann dröhnte Xavier ins Mikrofon: „Sieh mir noch einmal in die Augen, Baby, bevor du gehst.“ L.Credi schmolz dahin, und LEGO konnte sie gerade noch auffangen.

Die majestätische Stimme Xaviers schallte kilometerweit durch die Stadt, und nur wegen dieses eindrucksvollen Klangs strömten die Massen zur Bühne. Menschenmassen, die von weit her kamen, um L.Credis Auftritt zu erleben. Ihre Botschaft des Umweltschutzes und der Bedeutung der Bäume zog die Menschen in ihren Bann. Xavier Naidoo und L.Credi bildeten eine einzigartige Verbindung, eine kraftvolle Allianz, die das Publikum in ihren Bann zog.

Und so, inmitten der brodelnden Menschenmenge, begann L.Credi mit leidenschaftlicher Hingabe und Xavier an ihrer Seite ihr Lied zu singen. Die Stimmen verschmolzen zu einer unwiderstehlichen Symphonie des Wandels. Die Menschen, verzaubert von der magischen Atmosphäre, vergaßen für einen Moment die anderen Unterhaltungsangebote des Abends. Sie spürten die Dringlichkeit der Botschaft, die L.Credi und Xavier verkörperten. Eine Welle der Begeisterung erfasste die Menge, und der Klang ihrer Stimmen vereinte sich zu einem mächtigen Chor.

Der Auftritt wurde zum Wendepunkt, zum Schlüsselmoment, der die Menschen dazu brachte, über den Wert der Natur und die Bedeutung des Klimaschutzes nachzudenken. L.Credi und Xavier hatten die Herzen der Menschen berührt und

L.Credi wandte sich an LEGO und fragte, was sie tun sollten. Die Situation war entscheidend, und sie hatte zwei Möglichkeiten zur Auswahl:

a) Sollten sie hier bleiben und das Risiko eingehen, in eine Ecke der Verschwörungstheorien und abwegigen Ideen abzudriften?

b) Oder sollten sie versuchen, Tausende von Menschen für ihre Baumaktion zu gewinnen und eine große Feier zu veranstalten?

In ihrer Verzweiflung packten sie den Oberbürgermeister von Bielefeld in ihren Bohnenwagen und wollten einfach nur weg von diesem Ort. Zurück nach Ostwestfalen, wo sie herkamen. Doch leider sprang der Motor nicht an. Sie hatten vergessen, den schwarzen Behälter auf dem Dach des Autos mit angegorenen Sojabohnen zu füllen. Der Gastank war leer. L.Credi und LEGO waren gezwungen, die Nacht in den Quadraten von Mannheim zu verbringen, ohne einen klaren Ausweg aus ihrer misslichen Lage.

Baum

L.Credi stand kurz vor den wohlverdienten Ferien. Sie begleitete mich schon seit vielen Jahren, und ich kannte sie als eine leidenschaftliche Lehrerin, die stets bemüht war, den Schülern aus dem nördlichen Bielefeld etwas beizubringen. Doch die Ferien kamen jedes Jahr viel zu früh, das war L.Credis bittere Realität.

Früher nannte man sie einfach Lehrerin, aber heutzutage könnte man sie wohl eher als Überlebenskünstlerin, Alleinunterhalterin oder Dompteuse bezeichnen. L.Credi hatte für ihre Klasse sogar einen eigenen Youtube-Kanal eingerichtet. Dort lud sie jeden Morgen Übungen hoch, vom Silben-Rap bis hin zu Anleitungen, wie man einen Bleistift anspitzt oder einen Fruchtzwerg öffnet, ohne den Nachbarn dabei zu bespritzen. So hatte sie zumindest die ersten 10 Minuten in der Grundschule etwas Zeit für sich, während ihre Schüler den Schulkanal auf ihren iPads ansahen.

An diesem Morgen öffnete L.Credi die Tageszeitung, die der käferfahrende Postbote Karl immer pünktlich in den ländlichen Stadtteil brachte. Doch plötzlich stolperte sie über eine Meldung, die ihre Aufmerksamkeit gefangen nahm. Sie musste weinen.

Für die Menschen in der Stadt wird die Hitzebelastung von Jahr zu Jahr bedrückender, eine unerbittliche Hitzewelle, die ihre Lebensqualität bedroht. Jeder Tag scheint eine neue extreme Herausforderung zu sein, eine Tortur unter der brennenden Sonne. Und doch wird das Ausmaß dieser Qual in den kommenden Jahrzehnten noch schlimmer werden, eine düstere Vorahnung der Zukunft, die uns das Blut in den Adern gefrieren lässt.

Schaut man auf das Beispiel der pulsierenden Metropole München, so sind die Zahlen alarmierend. Derzeit müssen die Bewohner bereits durchschnittlich 8,4 Hitzetage im Jahr ertragen, an denen die Temperaturen jenseits der 30-Grad-Marke explodieren. Doch in einer Welt, die von Klimawandel und Zerstörung gezeichnet ist, könnte diese Zahl bis zum Jahr 2100 um das Fünffache anschwellen. Ja, ihr habt richtig gehört – sage und schreibe 44 Tage, an denen die Luft vor Hitze flimmert und jeder Atemzug zur Qual wird.Und erst in Bielefelds Zentrum, der Jahnplatzwüste.

Doch nicht nur die Tage werden zu einer unerträglichen Glut, auch die Nächte bergen keine Rettung mehr. Einst gab es nur fünf tropische Nächte, in denen die Lufttemperatur nicht unter 20 Grad Celsius sank. Doch in den kommenden vier Jahrzehnten könnten es schwindelerregende 14 dieser qualvollen Nächte werden, in denen Schlaf zu einer fernen Erinnerung verblasst.

In dieser verheerenden Hitze sind Bäume unsere einzige Zuflucht. Sie erheben sich wie stolze Krieger gegen die unerbittliche Sonne und kämpfen darum, uns Linderung zu verschaffen. Ihre Blätter erzählen von einer anderen Welt, in der Verdunstungskühle das Wort führt und Schatten wie ein heiliger Tempel der Erfrischung wirkt. Unter ihren schützenden Zweigen sinkt die Temperatur um ein bis zwei Grad, doch in ihrer schattigen Umarmung fühlt es sich an, als wäre man in einer Oase der Kühle gefangen.

Doch Bäume sind nicht allein in ihrem Kampf gegen die Hitze. Rasenflächen und begrünte Dächer schließen sich ihnen an, schaffen Verdunstungskühle und bringen eine Ahnung von Frische in diese stickige, von Beton geprägte Umgebung. Große, offene Grasflächen werden zu Bollwerken gegen die nächtliche Wärme, absorbieren weniger Hitze und lassen die Luft sich in den kühlen Stunden der Dunkelheit besser abkühlen als die vom Laub der Bäume beschützten Wege. Es ist eine fragile Balance, eine kunstvolle Mischung aus Bäumen und Rasen, die in den Freiräumen der Stadt geschaffen werden muss.

Um den Ernst der Lage zu verdeutlichen, wurden zwei dicht besiedelte Stadtviertel unter die Lupe genommen. Eine schonungslose Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Hitzehölle und ein beängstigender Blick in die Zukunft. Derzeit werden lediglich zehn Prozent der Fläche von wohltuendem Grün bedeckt.

Die schockierenden Zahlen lassen keinen Zweifel daran, dass wir handeln müssen, um unsere Städte vor der zunehmenden Hitzelast zu schützen. Nach Berechnungen müssen wir den Anteil von Grünflächen drastisch erhöhen, auf 20 bis 25 Prozent, um den Sommer selbst im Jahr 2050 noch erträglich zu gestalten. Doch steht uns dieser Kampf gegen die Hitze vor großen Herausforderungen.

Der Platz für mehr Grün ist grundsätzlich vorhanden, zumindest in der Theorie. In der Realität jedoch wird dieser Raum von Parkplätzen eingenommen oder ist dem fließenden Verkehr gewidmet. Wenn wir tatsächlich begrünen wollen, müssen wir diese Bereiche drastisch reduzieren. Die drängendste Aufgabe in unseren Innenstädten besteht darin, Autos mit Bäumen zu ersetzen, eine Verwandlung, die von Mut und Entschlossenheit zeugt.

Gleichzeitig müssen wir jedoch auch im Untergrund Platz schaffen, um den Wurzeln der Bäume Raum zu geben. Doch das ist keine einfache Aufgabe, denn unter unseren Straßen verlaufen die essentiellen Infrastrukturen für Abwasser, Gas, Strom, Internet und Telefon. Es ist ein mühseliger Prozess, der nicht von heute auf morgen bewältigt werden kann. Wir müssen behutsam vorgehen, um sicherzustellen, dass diese essenziellen Dienste weiterhin reibungslos funktionieren und dennoch Raum für das Wachstum der Bäume geschaffen wird.

Es liegt auf der Hand, dass dieser Prozess eine enorme Anstrengung erfordert, sowohl von den städtischen Planern als auch von der Bevölkerung. Wir müssen den Mut aufbringen, traditionelle Denkweisen und Gewohnheiten herauszufordern und uns für eine nachhaltige und klimaresistente Zukunft einzusetzen. Es ist eine Herausforderung, die nicht auf die leichte Schulter genommen werden darf, aber unausweichlich ist, wenn wir unsere Städte für die unaufhaltsame Wucht des Klimawandels rüsten wollen. Nur so können wir ein Stückchen Kühle und Hoffnung inmitten der Hitze und Verzweiflung bewahren.

L.Credi hatte einen kühnen Plan, wie sie das neue Schuljahr in Angriff nehmen würde. Noch lagen 77 Jahre bis zum Jahr 2100 vor ihr, und sie war fest entschlossen, ein stolzes Alter von 127 Jahren zu erreichen. Dank der Wunder der Telemedizin, implantierten Chips in ihrem Gehirn und Herzen sowie einer strengen veganen Ernährung, glaubte sie fest daran, dass dieses Ziel erreichbar war. Sie würde es schaffen, doch der Beginn lag in der Gegenwart.

Ursprünglich hatte L.Credi vor, den Erstklässlern das Lesen und Schreiben beizubringen. Doch fast die Hälfte der Schüler sprach Türkisch, Kreolisch, Schwedisch, Ukrainisch und sogar Klingonisch. Das Lesenlernen schien eine schier unüberwindbare Hürde zu sein. In Anbetracht dessen beschloss L.Credi, mit dem machtvollen Wort „Baum“ anzufangen. Sie wollte einen Samen in die zarten Herzen der Kinder pflanzen, denn sie würden die Zukunft formen. Das Wort „Baum“ erwies sich als perfekte Wahl. Es begann mit dem erhabenen Konsonanten „B“, der wie ein Paukenschlag wirkte. Das „B“ stand für Bielefeld, es war der Anfang eines großen Vorhabens. In der Mitte des Wortes offenbarte sich ein geheimnisvoller Silbenkönig. Die Kombination „au“ barg Vokale, Zwielaut und sogar Schmerzenslaute. Es war eine Verbindung von Stärke und Leiden. Und am Ende erhob sich das „M“ wie eine triumphale Fanfare. Das „M“ stand für Mutter, für das gewundene Mäandern des Lebens und für den süßen Geschmack der Malzdextrose.

L.Credi wollte Bäume pflanzen. In mehr als 70 Jahren würden diese Bäume zu imposanten Gestalten heranwachsen und die Stadt mit ihrem kühlenden Schatten erfüllen. Sie bat die Eltern der neuen Erstklässler, zum Schulanfang einen Samen eines typischen Baumes aus ihrer Heimat mitzubringen. Schnell hatte sie eine bemerkenswerte Sammlung von Samen zusammengetragen, von majestätischen Affenbrotbäumen bis hin zu stolzen Dattelpalmen und exotischen Gummibäumen. Selbst Eichen hatten ihren Weg in ihre Obhut gefunden. So würde ein wahrhaftig einzigartiger Wald entstehen, der über verschiedenste Klima- und Vegetationszonen hinweg seine Arme ausbreitete.

L.Credi hatte sich 100 Quadratmeter inmitten der pulsierenden Innenstadt gesichert, um dort die zarten Setzlinge einzupflanzen. Mit ihrer Bewegung, die als „Zuhaitza“ bekannt wurde, entfachte sie eine Flammenwoge, die sich mit „Fridays for Future“ vereinte und um die ganze Welt fegte. „Zuhaitza“ – ein Wort, das auf Baskisch Baum bedeutete – wurde zum Symbol des Kampfes gegen den Klimawandel und zur unverkennbaren Stimme für die unersetzliche Bedeutung der Bäume in unserer Zukunft. 

E-Auto

Kommissarin Petra Schweger betrat die Wache an diesem Morgen mit einem breiten Lächeln auf den Lippen. Nach einem wohlverdienten Urlaub war sie gut gelaunt und voller Energie. Die Sonne schien, und es versprach ein angenehmer Tag zu werden. Um 9 Uhr stand die erste Vernehmung auf ihrem Plan, bei der der Beschuldigte Thomas D. auf sie wartete. Dieser hatte eine Verbrechensserie begangen, bei der er in einer einzigen Nacht in Bielefeld über 20 Ladekabel von Elektroautos gestohlen hatte. Ein äußerst lukratives Geschäft, bedenkt man den Wert dieser Kabel.

Ein Tesla-Ladekabel allein kostete knapp 400 Euro, andere Laden waren ähnlich teuer. Universelle Kabel akzeptierte Musk nicht. Angesichts der steigenden Anzahl von Elektroautos und Plug-in-Hybriden auf den Straßen wurden diese wertvollen Gegenstände zu einer begehrten Beute für Kriminelle. Thomas D. erwies sich als echter Profi in seinem Handwerk. Selbst tagsüber stahl er die Kabel mitten in der Öffentlichkeit, zum Beispiel auf einem Lidl-Parkplatz, ohne dabei Aufsehen zu erregen. Der Markt auf Ebay florierte, und er machte eine Menge Geld mit seinem Diebstahl.

Die Hersteller von Elektroautos waren sich der Gefahr bewusst und hatten Vorkehrungen getroffen, um den Diebstahl von Ladekabeln zu verhindern. Die meisten Fahrzeuge verfügten über Verriegelungsmechanismen, um das Kabel zu sichern, wenn das Auto unbeaufsichtigt war. Doch Thomas D. kannte alle Tricks und wusste, wie er diese Mechanismen umgehen konnte.

Für die meisten Elektroautobesitzer war das Aufladen zu Hause am bequemsten. Allerdings waren selbst private Einfahrten nicht immer vor neugierigen Blicken geschützt. Die Garagentore erwiesen sich als leicht zu knacken, und selbst Vorhängeschlösser konnten Thomas D. nicht aufhalten. Einige Elektroautos verfügten über Schlaufen, an denen das Ladekabel mit einem kleinen Vorhängeschloss befestigt werden konnte, doch auch das war für ihn kein Hindernis. Immer hatte er einen Seitenschneider parat, der ihm den Zugriff auf die wertvollen Kabel ermöglichte.

Es gab zwar die Möglichkeit, das Ladekabel zu sichern, indem man einfach darauf parkte, da Elektroautos schwer waren. Doch das Risiko eines Kabelbruchs war hoch, und somit blieben auch diese Schutzmaßnahmen wirkungslos. Überwachungskameras oder Dashcams könnten eine Option sein, aber Thomas D. hatte stets eine Corona-Maske getragen, wodurch die Aufnahmen wenig nutzten.

Doch nun hatte man Thomas D. erwischt, und die Frage, wie das passieren konnte, brannte auf aller Lippen. An der Schildescher Straße hatten die Betreiber eine neue Elektrotankstelle mit zehn Ladestationen errichtet.

Die neue Elektrotankstelle an der Schildescher Straße war ein belebter Treffpunkt für Autofahrer, die ihre Einkäufe erledigten und ihre Elektrofahrzeuge aufluden. Doch unter dem Schutz des dichten Holunderbuschs lauerte Thomas D. wie ein Schatten. Hier hatte er sein geheimes Versteck, ein unterirdisches Lager für die gestohlenen Ladekabel. Es schien ein perfekter Ort für seine kriminellen Machenschaften zu sein.

Jedoch hatten die Betreiber der Supermärkte nach mehreren Diebstählen eine brillante Idee. Sie kontaktierten die Firma von Anselm Panstedt, einem Mann, der sich auf das Organisieren von Warteschlangen spezialisiert hatte. Seine Firma vermittelte Menschen, die bereit waren, sich freiwillig in eine Schlange zu stellen, sei es für ein begehrtes Produkt, eine Eintrittskarte oder einen Termin. So wurde Sergej Grugisch engagiert, ein wagemutiger Mann mit einem aufgemotzten Einkaufswagen. Doch dieser Einkaufswagen hatte eine ganz besondere Ausstattung.

Sergej fuhr mit seinem modifizierten Gefährt über den Parkplatz, sammelte Müll ein und erhielt dafür eine Entlohnung pro Runde. Es war eine einzigartige Möglichkeit, Geld fürs Laufen zu verdienen, was für ihn zunächst wie ein fantastisches Angebot klang. Doch seine wahre Aufgabe kam erst zum Vorschein, als er bemerkte, dass sich jemand an den Ladekabeln zu schaffen machte. Mit einem einzigen Druck auf den Button 1-10 an seinem Einkaufswagen wurde eine tödliche Kraft entfesselt.

Starkstrom durchströmte die Ladekabel, und der Dieb, ahnungslos, wer oder was ihn erwartete, erlitt einen schmerzhaften Stromschlag. Es geschah am 4. Mai 2023, als Thomas D. seine Hand an dem begehrten Ladekabel des neuen Tesla in der edlen Farbe Moccagold reizte. Ein markerschütternder Schrei entwich seinen Lippen, als der elektrische Schock seinen Körper durchfuhr und seine Hand verbrannte. Völlig unvorbereitet für die neue Errungenschaft der Supermärkte, hatte er keine Chance, dem tödlichen Schlag zu entkommen.

Nach seiner Behandlung im Krankenhaus wurde Thomas D. schließlich zur Vernehmung zu Kommissarin Petra Schweger gebracht. In ihrem Blick spiegelte sich Entschlossenheit wider, denn sie war bereit, die Wahrheit aus dem Täter herauszupressen und Gerechtigkeit walten zu lassen. Der dramatische Vorfall an der Elektrotankstelle sollte nicht ungesühnt bleiben, und Thomas D. würde die Konsequenzen für seine kriminellen Taten zu spüren bekommen. Die Jagd nach der Wahrheit hatte begonnen, und Kommissarin Petra Schweger würde nicht ruhen, bis sie das Rätsel um die Serie der Ladekabeldiebstähle endgültig gelöst hatte. Sollte Thomas D. Mitglied einen großen Clans sein? Petra grübelte.

Schlange

Anselm Panstedt konnte seinen Beruf als Energieberater nicht mehr ausüben, nachdem sein Gehirnchip einen Kurzschluss erlitten hatte. Er war aus der Bahn geworfen, aber nicht untätig und passiv. Als er einen Termin beim Neurologen hatte und trotzdem zwei Stunden beim Arzt warten musste, kam ihm eine neue Idee. Ob für Konzertkarten oder ein neues Smartphone: Es gibt Dinge, für die stehen Menschen stundenlang Schlange – oder zelten sogar. Wer das nicht will,s ollte sich vielleicht einen professionellen Schlangensteher mieten. Das ist das Schöne an solchen Szenarien:

– Es gibt nur noch wenige Karten für ein besonderes Event.

– Ein neues, begehrtes Produkt kommt auf den Markt

– Sehenswürdigkeiten, für die man lange anstehen muss, wie der Petersdom im Vatikan

– In Disneyland gibt es eine neue Attraktion.

Zeit ist ein knappes Gut, und bevor wir selbst stundenlang untätig in der Schlange stehen, könnte das jemand anderes für uns erledigen. Anselm hat eine App entwickelt, in die man eintragen kann, für wie lange man wo jemanden braucht – und wenn es ein „Match“ gibt, dann gibt es einen Wächter für meinen Platz in der Schlange.

Anselm nimmt 30 Euro pro Stunde. Wenn es länger dauert, gibt es auch Tagespauschalen, die je nach Anbieter zwischen 600 und 800 Euro pro Tag liegen. Bei schlechtem Wetter wird es teurer. In den USA gibt es jedes Jahr mehr als 30 Milliarden Stunden Wartezeit.

Und Anselm sah gut aus, hatte immer einen Stuhl in der Schlange, studierte den Brockhaus und war braun gebrannt. Auf seinem Tablet organisierte er die nächsten Termine.Und er wurde immer öfters gebucht.

Er war der erste, der es seinem gut betuchten Kunden Hans Müller ermöglichte, sich in das Kondolenzbuch für Queen Mum einzutragen. Müller war der Erste, der US-Präsident Donald Trump zu seiner Wahl gratulierte. Er war der erste, der mit Wladimir Putin einen ukrainischen Wodka trank.

Das Warten in der Notaufnahme oder in der Arztpraxis war für viele ein Problem. Anselm konnte nun über die App einen Termin vereinbaren. Er saß dann im Wartezimmer und wenn er aufgerufen wurde, gab es eine Push-Mail an den Kunden. Da man in der Regel immer noch im Sprechzimmer des Arztes warten muss, schafften es die Patienten.

Neu war auch das Warten in der Callcenter-Warteschleife. Hier berechnete Anselm 50 Euro für ein Beratungsgespräch, um die persönlichen Daten des Kunden aufzunehmen. Dann rief er das Callcenter an. Auch dafür bekam er pauschal 50 Euro. Später noch einmal 50 Euro, um dem Kunden die Lösung zu präsentieren.

Dann baute Anselm sein Geschäft in Italien auf. Sein Geschäftspartner wurde Giovanni Giuli

Etwa 400 Stunden pro Jahr steht jeder Italiener in Warteschlangen. Dies hat sich Giovanni Giuli zunutze gemacht.20  Euro pro Stunde zahlen ihm Leute, die keine Lust auf nerviges Anstehen haben.

Flanellmantel, Nadelstreifen, Krawatte, eine elegante Aktentasche und die Brille mit leichtem Stahlgestell: Für einen Anwalt oder Steuerberater würde man Giovanni Giuli halten, wenn man in einem Mailänder Postamt neben ihm in der Schlange steht. Die ist sehr lang, und die Nummer auf seinem Ticket verheißt nichts Gutes – noch 26 Kunden sind vor uns dran. Trotzdem gibt sich Giovanni Giuli geduldig, lächelt höflich und winkt sogar ab, als die Dame hinter dem Schalter ihn mit einem Handzeichen nach vorne durchwinken will. Warum?! „Ich wär ja blöd!“, sagt er. „Ich verdiene doch gutes Geld dafür.“ Wofür? „Fürs Schlangestehen.“

20 Euro pro Stunde zahlen ihm Leute, die keine Lust oder Zeit haben, Stunden oder sogar Tage in Post, Bank und Ämtern zu verbringen. Giovanni Giuli ist der erste professionelle „Codista“, der Schlangesteher Italiens.

Das Wort „Codista“ kommt von Coda, Schlange, und die sind in Italien gefürchtet. „Die Schlange am Schalter ist deine? Ab heute ist sie meine“, lautet Giovanni Giuli’s Slogan, seit er vor zwei Jahren diesen Job übernommen hat. Er brummt und das ist kein Wunder. Schlangestehen kostet die Italiener 40 Milliarden Euro.

Statistiken zeigen, dass jeder Italiener rund 400 Stunden im Jahr in der Schlange steht, um einen neuen Pass, einen Einschreibebrief, eine ärztliche Bescheinigung oder einen Führerschein zu bekommen.

Unternehmen müssen ihre Mitarbeiter im Schnitt 269 Stunden oder rund 34 Arbeitstage damit beschäftigen, Gebühren oder Steuern bei Behörden zu bezahlen – mehr als doppelt so viel wie in Frankreich oder Großbritannien. Am schlimmsten ist es in den Ämtern der Hauptstadt Rom. Fast die Hälfte der Bürger muss mindestens 20 Minuten an den Schaltern warten. Banken, Versicherungen und Ämter aller Art bieten zwar auch in Italien Online-Dienste an, „aber viele ältere Menschen nutzen sie noch nicht“, sagt Giovanni Giuli. Und bei kniffligen Fragen müsse man auch heute noch persönlich zum Schalter gehen.

Jetzt schult er auch. Nach Anfragen „aus ganz Italien“ hat er einen Kurs organisiert, den er per Skype anbietet. Für 500 Euro lernen die Neulinge die richtigen Umgangsformen, aber auch, wie man ein Formular ausfüllt, auf welchen Ämtern man welche Regeln beachten muss, welche Rechte und Pflichten ein Bürger am Schalter hat. Oft seien die Schalterbeamten nicht richtig geschult – „dann muss man sich eben selbst helfen können“.

Und jedesmal verdient der Bielefelder Anselm Panstedt mit. 2024 wird er an die Börse gehen. Anselm hatte es geschafft. Anfragen aus aller Welt lagen vor.

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