Zeugnisse

Alles neu macht der Mai

In meinem Leserkreis sind viele LehrerInnen. Alle haben Angst vor den nächsten Wochen.

Blockchain-Technologie, Hash-Wert und kryptografische Zahlenkette: Was sich für Laien nach Fachchinesisch für IT-Freaks anhört, könnte bald deutschlandweit digitale Schulzeugnisse möglich machen. Dahinter versteckt sich GovDigital. Herr Schnepel, Sekundärschulleiter ist gelassen.  Seine Ex-Schüler Bodo von Guntenheim und Chary Saint-Surrey haben sich schon längst selbstständig gemacht. Im Speckgürtel Güterslohs, in der Nähe des Giganten Bertelmanns haben sie ein Startup gegründet und bieten Schulen ihre digitalen Dienste an. Servicemitarbeiterin Berta Brasser sammelt die Zeugnisse mit dem Lastenfahrrad ein, scannt sie mit Ihrem IPhone XY ein und schickt sie über die Blockchain nach Berlin zu Herrn Scholz. Oder irgendwo dort. Pech für alle Pennäler. Nun kann man die Zeugnisse nicht mehr fälschen. Ich suchte mein Giftblatt und fand eine blaue Kladde. 50 Jahre alt. Da gab es in der 1.Klasse noch Noten. Ich hatte natürlich überall nur Einsen. Bis auf Religion, weil ich die biblischen Geschichten nicht gut malen konnte. Strichmännchen Adam und Strichweibchen Eva.

Zwei Nachhilfestunden beim hiesigen Pastor, der gleichzeitig auch ein Vater war, katapultierten meine Noten nach oben und brachten mir die erste Kunstausstellung im örtlichen Hutgeschäft Käppy und co ein. Ich vergaß, vor 50 Jahren hieß das noch Hutmachererei Feinbein und Gefährten. So manche Note brachte mich in Verzweiflung und später flog ich noch vom Gymnasium, weil ich einfach zu blöd war für Herrn Pütagoras und Frau Hüpotenuse. Da war die Realschule schon besser. Hier wurde das 1mal1 solange geübt, bis es jeder konnte. Dann wurden auf dem Spiritusabzugsgerät Matrizen aufgezogen und Kopien gemacht. Mhhh. Die rochen immer so gut. Herr Robrecht, Referendar der 1.Stunde begeisterte uns mit Holzpenisen und dem Sezieren von Fröschen und Fischen. Leider saß ich in der 1.Reihe und musste einen Schirm aufspannen, weil er beim Sprechen so spuckte. Ich sehe ihn regelmäßig im Fußballstadion. Soll ich ihn mal ansprechen? Er ist bestimmt schon 75 Jahre alt. Nun darf ich den geneigten Leser folgende Aufgabe stellen. An welchen Lehrer erinnerst du dich? Und warum? War der Lehrkörper ein Vorbild oder war es ein echter Leerkörper. Diesen Beitrag könnte ich stundenlang weiterschreiben, aber da klingelt es an der Tür.

„Guten Morgen, mein Name ist Berta Brasser. Ich komme von der digitalen Zeugniserfassungsstelle GovDigital. Im Mai 2022 werden alle Zeugnisse eingescannt, die von Personen, die im Mai 1965 geboren wurden, digital erfasst. Ich konnte mich nicht wehren. Über Berta Brasser schwebte eine Drohne, die alles erfasste. Ich holte meine Zeugniskladde aus dem Keller.

 Der Mai ist da und die Bäume schlagen aus. Aua! Die Gasspeicher sind nicht voll und gestern bei den Nachtansichten gab es doch so manchen fröstelnden Besucher. Es wurde eine Prämie ausgeschrieben, für den Finderling des geklauten Bildes von Pieter Aertzen. Die Diebin soll ja wieder ihr Unwesen treiben. Seit gestern habe ich mir Hasan Abdullhkadi von der Sicherheitsagentur „Guck und Weg“ für meine Mona Lisa engagiert. Er steht nun den ganzen Tag bei uns im Wohnzimmer vor dem Gemälde und schaut, dass es keiner klaut.

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