Donnerstag

Donnerstag

„Lass dich verwöhnen“ schrieb eine Kollegin. Hahaha. Tausche salzloses Lachsfilet gegen gesunden Fuß und zu einem Verwöhnpaket gehört am Abend ein Schwesternballet oder Schnäpsken mit Pfleger Bodo. Im Hotel Elegeanza. 

Im Gegensatz zu Raissa, der Bettenschupserin, hat Bodo eine Vollausbildung. Raissa aber die schönsten Augen Hillegossens und stramme Waden,weil Betten in zehn Etagen bewegt werden müssen. Mit Patienten, die alle ein Federgewicht haben, so wie ich, sondern eher im Raimund Calmund Look sind. ( oh .. Mist… der mutierte ja auch zu einer Grazie… sorry Raimund). 

Ach ja Diät. Dora Sanchez, so hieß sie wirklich, die Physiotherapeutin aus Brasilien… lässt kein gutes Haar am Patienten…. keine Ausreden mehr… Abnehmen, Herr Heinrich! Mehr Bewegung! Hä? Wo ist der Bizeps? Nicht zu viel Junkfood! Hä? Warum sind sie nur dreimal die Woche bei der Fitness? Warum konnte sie ihr Gewicht halten in Coronazeiten und ich nicht. Das verstehe ich nicht 

Habe ….. 1000 Ausreden und jahrelang falsch trainiert … Jedenfalls bin ich ja sportlich und eine Radtour fängt erst bei 100 km so richtig an; aber sie hat recht und 1000 gute Tipps. Sie ist klasse. Spiraltherapie, Lymphdrainage, Fango und Stuhlzumba. Morgen Treppensteigen! 

Schaut euch eure Schuhsohlen an, dann seht ihr wie schief ihr lauft. Ich habe nun sechs Wochen einen Gehschuh und eine kleine Belastung von 9,99 kg. Das ist nix! Während Dora Sánchez den Fuß massierte, kam ein älterer Herr in Trenchcoat rein. Prof. Dr.Dr. Bodenheim auf dem Weg in den Feierabend. Natürlich auch wegen der großzügigen Abrechnung von mir. Nein.. der Mann ist sein Geld wert. Also, die OP war umfangreicher als gedacht. Die Bänder sind geflickt und die Knochen geglättet. Die Ärzte stabilisieren die Bänder in der Regel minimal-invasiv. Mit kleinen Hautschnitten und einer speziellen Nähtechnik werden sie wieder zusammengenäht und wenn notwendig mit Naht-Ankern am Knochen befestigt. Jetzt muss ich gehen lernen und dann in vier Monate wird die Sehne geflickt und das Fussgewölbe wieder hergestellt. Das dauert dann noch einmal so lange. 2022 .. wenn alles klappt kann ich im Herbst bei der Weinernte helfe. Oder aber ich schreibe einen Bestseller. So wie mein Fußballkumpel. Nennen wir ihn Schreiberling. Er schreibt für die lokale Zeitung den „Blick vom Block“ über Arminia . Dann könnte ich den „Blick vom Stock oder Bodos nightmare“ veröffentlichen. Nun habe ich den Gehschuh weg gelegt (er wiegt fünf Kilo) und schaue mit dem Bettnachbarn nicht Snooker sondern Fußball. Ach da kommt Mi-Ling, die philippinische Nachtschwester. Nachts will ich nicht zum Klo humpeln. Was wähle ich? A. Ihre zarte Hand, die mich stützt (aber sie ist nur 1,43 cm groß)

B. Die Urinflasche am Bett oder die Tena-plus? 

“Kleine Schritte, „sagte sie.“ Kleine Schritte. Nicht so schnell. Wo wollen Sie hin?“ 

Das waren die Worte von Dora Sanchez, die mir heute den Treppenwitz erklären wollte. Natürlich nicht etwas zum Lachen, sondern der pure Abgrund. In einem riesigen Treppenhaus hatte ich die Wahl.Ich muss entweder hoch steigen, oder in die Pforten des Todes hin abgleiten. Die Treppe hoch war schwierig. Treppe runter war leicht, aber ich dachte immer die Stütze mit meinem Astralleib zu vereinen ist unmöglich. Deswegen am besten auf den Hintern herunterrutschen oder hoch krabbeln und immer die Unterarmgehstützen bei sich haben. 

Ich habe mich entschieden noch einen Tag zu bleiben. Zu Hause sind mir doch zu viele neue Abenteuer eine noch zu große Herausforderung. Warum ist eigentlich unsere Wohnung nicht behindertengerecht? Zum Glück hat der Metalltuppes am Eingang noch ein Geländer befestigt. Da komme ich wenigstens in die heiligen Hallen der Kollwitzstraße. Aber dann geht schon weiter. Maria Sanchez sagt, ich soll nur einmal am Tag Treppe gehen. Wer ist Maria Sanchez. Lieber Leser, dieses Rätsel wird später aufgelöst…. Hieß sie nicht Dora Sanchez?) Da muss man sich gut überlegen, ob man zum Schlafzimmer hoppelt oder ob es bis zum Arbeitszimmer reicht. Nun sind fast 24 Stunden vergangen und mir reicht es jetzt schon. 1008 Stunden Fuß hochlegen. Vielleicht mache ich mir eine Strichliste wie im Knast.

Kann ja jeden Tag ein Stäbchen bei uns aus dem Parkettboden anmalen. Oder endlich mal die Bibel mit den Geschlechtsregistern durchlesen. Gut, dass meine Frau schon schon Sitzyoga Videos herausgesucht hat. Im Gegenzug werde ich ihr dann immer die Einkaufslisten in ihre Instastory legen. Kochen kann ich ja. Im Sitzen. Warum ist eigentlich die Spüle bei uns so hoch? Naja, ich will ja kochen und nicht spülen. Nun könnte ich in die Cafeteria laufen. Mir dort einen leckeren Cappuccino ziehen, aber wie kriege ich den Cappuccino von der Maschine auf den Tisch? Ich darf nicht belasten. Ein AOK Shopper steht mir bereit. Und so denke ich mir, dass ich heute Nachmittag in der Sonne auf der Sonnenterrasse eine Cremeschnitte verzehre. Schwester Olga bringt mir auch Kaffee, aber draußen nur Kännchen. Komisch ist, dass ich zu Hause nie Kuchen esse und vielleicht sollte ich das Stückchen stehen lassen, damit Maria Sanchez mit ihrer Diät weiter kommt. Dann war ich beim Röntgen. Dort sagt man, ich hätte Anker eingesetzt bekommen.

Zur See wollte ich eigentlich nie. Da braucht man ja viel Gleichgewicht. Genauso wie Treppensteigen. Warum gelingt mir das nicht?  

Drei Stunden später schreibe ich einem Weltenbummler, der in zwei Jahren mit dem Fahrrad um die Welt düste, eine Rezension zu seinem Buch. Das nehme ich mir auch vor. In 5 Jahren mit dem Gehschuh nach Wanne-Eickel.

Habe die Distanz vom Bett zur Lounge geschafft. Yeah. Zweimal und ganz langsam, damit der Anker nicht herausrutscht. Später kommt der Trenchcoat Professor mit der letzten Anweisung. Morgen noch einmal mit Dora Sanchez Treppensteigen. Schade, dass die rassige Raissa heute mich nicht abholt. Na, ok. Nochmal OP heute muss nicht sein. Pfleger Bodo spielt Angry Birds. Beim Level 156 kann ich ihm nicht helfen, weil die blöden Vögel ihre Abwehrpistolen aus dem Level 100 nicht dabei haben. Die hätte Bodo für 0,99 im AppStore kaufen müssen. Ich könnte meinen Gehschuh auf die Viecher werfen… das wäre aber teurer. Nun sind es zwischen Tisch und Kaffeeautomaten nur 5 Meter… aber wie kann man einen Kaffee mit Krücken transportieren…. Da warte ich doch auf Olga und den Tschibokaffee auf der Terrasse. Abends bekomme ich Besuch von Gaby Fastner.

Sie hat einen Gymnastik-YouTube Kanal (echt wahr) und wurde extra als Weekend- Event zum gemeinschaftlichen Workout eingeladen. Freunde des Schreiberlings können sich als Premium-Mitglieder per Zoom zuschalten. Alle Einnahmen bekommen…. Das überlege ich noch. Wenn ich zu Hause bin, küre ich die Mitarbeiterin des Monats. Aber erst muss ich an Bodo vorbei humpeln… verstecken geht nicht. Debora, die mit Zopf und Rock eindeutig einen mennonitischen Background hat und die Olga von der Wolga, die das Essen bringt und zweimal täglich die Klinken desinfiziert, runden die Damentruppe ab.

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