Schlumpf

Im September 2022 fand ein ungewöhnliches Phänomen in Bielefeld statt. Etwas, was Wissenschaftler aus alle Welt, außer Europa, in die Oberstadt führte. Bielefelds Grundschulkinder verwandelten sich in schlumpfartige Wesen. Nachdem die Stadt beschlossen, trotz voller Gasspeicher, die Raumtemperatur in den Klassen auf 19 Grad zu senken, ergriff Frau Britta Gabelfuß die Initiative. Sie war Referendarin in der Seegurkenklasse und spargeldünn. Sie futtert nun zum Frühstück ein Kilo Studentenfutter, welches in der Studierendenwerkstatt Denkfit angeboten wurde, um etwas mehr auf die Rippen zu bekommen. Dicke frieren weniger. So erlaubte sie den Kindern der Seegurkengruppe morgens Nutellaweißbrotscheiben mit Butter und mit ohne Rand zu essen.

Das gibt Energie. Britta Gabelsfuß Omma leitete einen Handarbeitskurs. Dort häkelten die Damen Tischdeckchen für das Königshaus in England. Da aber die Queen tot ist und keiner aus dem Königshaus Nachfragen stellt, waren die Damen arbeitslos und strickten Wärmedecken für die Seegurkenkinder. Sie hatten eine Technik erfunden, wie man aus eingeschmolzenen PET Flaschen Fäden zieht. Damit konnte man aus einer 1.5 Liter Flasche eine Decke produzieren. Bis zum Tag der Deutschen Einheit wollten sie der patriotischen Pflicht nachkommen, die Kinder mit den Decken zu erfreuen. Im Klassenraum der Seegurkenkinder gab es ein weiteres Problem. Es wurden panzerschrankgroße Luftfilteranlagen eingebaut, die durch die Klassenfenster ihre Abluft bekamen. Diese Anlagen laufen am besten bei 18.5 Grad, was den Kämmerer der Stadt erfreute. Also freuten sich alle auf das wöchentliche Highlight: Schwimmunterricht im Hallenbad. Ja, endlich mal kostenlos duschen, sich dem Käseschweiß entledigen und ungeduscht ins Babybecken springen. Danach schön die Haare mit dem festinstalliertem Pustefön trocknen. Mutti würde sich freuen, wenn ihr Sprössling wohlduftend wieder nach Hause kommt. Pustekuchen ! Im Hallenbad wurden die Duschen auf kalt umgestellt und das Wasser hatte die Temperatur, die mein Planschbecken im Garten im April normalerweise hat. Für Bademeister Knießlich kein Problem. Er wollte Frau Gabelfuß davon überzeugen, dass das Eisbaden in Russland zum langen Leben führt und man beim Sport ja warm wird. Man braucht beim 1000 Meter Schwimmen sogar nicht schwitzen. Das wäre ja auch ekelig. Chlor erledigt den Rest. Außerdem werden die Blagen abgehärtet, bevor die Kälte kommt.

So saßen die Seegurkenkinder im Schwimmbus. Sie hatten blaue Lippen und so langsam verfärbte sich die Haut. Zum ersten Mal liebten die Kinder ihre FFP2 Masken, boten sie doch etwas Atemwärme. In der Zeitung vom 24.09.2022 erfuhr Frau Gabelfuß, dass unser Minister nun durchsetzen möchte, dass auch bei den Laternen im öffentlichen Raum Energie gespart werden soll. Ob das auch die St.Martinszüge betrifft? Sie rief im Ministerium an und bekam diese erstaunliche Antwort. Die Seegurkenkinder können gerne einen Umzug machen. Mit Maske und 2 Meter Abstand zwischen den Kindern. Auf die Verwendung von Batterieleuchtstäben soll aus ökologischen Gründen verzichtet werden. Teelichter brauchen Aluhüllen und wie auch andere Kerzen erzeugen sie CO2. Zudem sollte man aus Gründen der Vielfältigkeit überlegen, ob es nicht auch einen weiblichen Sankt Martin gibt. Es gab mal eine Heilige Martina! Zudem sollte man die religiöse Vielfalt berücksichtigen und das Fest einfach jahresendzeitliche Abendralley nennen. Noch etwas. Da ja die Laternen im öffentlichen Raum nicht mehr leuchten, besteht eine erhöhte Unfallgefahr beim Umzug.  Also. Laternen aus.

Und so werden am Martinstag 2022 fünfundzwanzig Kinder plus Erwachsene im Abstand von zwei Metern mit dunklen Laternen bei 0 Grad über den Lehrerparkplatz laufen, weil es im Wald zu gefährlich ist. Der Vater eines Kindes fährt einen Tesla, den er mit seinem eigenen Solarstrom betreibt. Mit diesem Scheinwerferlicht wird er die Truppe beleuchten und feststellen, dass die Kinder immer blauer werden. Die Freude war verschwunden.

GAS

Anselm Panstedt reichte es. Er war wütend, als er die Gesternzeitung aufschlug. Tageszeitung konnte er nicht sagen. Er bekam die lokale Gazette immer einen Tag später von der Nachbarin. Fast 47 Euro kostete die Zeitung im Monat. Der erste Teil interessierte ihn nie, da alles schon im Netz zu lesen war. Aber manchmal gab es doch so einige Kuriositäten. So besuchen 2022 mehr als 355000 Menschen die Freibäder. Also jeder Oberstädter war schon mal im Chlorbecken. Anselm Panstedt aber nicht. Kann das dann stimmen? Er fand einen Artikel zum Energiesparen in der VHS. Das war doch spannend. Ach ja, er sollte dort ja den Hauptvortrag halten. Hatte vergessen, oder übersehen. Anselm bereitete sich vor.

Anselm war erschüttert. Es war der 16.09.2022 und der Herbst kam. Die großen schwarzen Spinnen krochen langsam ins Haus, die letzten Schneider zappelten an der Toilettenlampe, im Lidl gab es Kürbis und Spekulatius und Herr Habeck fordert jetzt schon die Leute auf, die Heizung nicht anzumachen. Und das Anfang September. Anselm nahm es gelassen, er hatte gar keine Heizung. Jedenfalls keine, die an war. Er war vorbereitet. Und er konnte für seinen Vortrag in der Volkshochschule viel Geld verlangen. Es war der Auftakt einer Lesereise, die ihn durch ganz Deutschland führte. Zudem bekam er einen Honorarvertrag der WILD – Zeitung, die einen großen Blackout voraussah. Alle in Deutschland wussten, dass dies einmal kommen wird. Anselm Panstedt war auch im Club AA aktiv. Das waren die Anonymen Alleswisser aktiv. Aber das durfte niemand wissen. Wie hat sich Anselm also vorbereitet.

Zuerst hatte er seinen Job gekündigt. In seinem Büro war es noch einigermaßen warm und wenn er dort seinen Computer nutzte, sein Handy dort auflud und die Teeküchenmikrowelle nutzte, konnte man sich dort gut aufhalten. Er trug wollende Herrenstrumpfhosen, die es leider im hiesigen Kaufhaus immer seltener gab. Die langen, weißen Feinrippunterhosen erinnerten ihn immer an seinem Opa, der aus Kriegserzählungen davon schwärmte. Er hasste diese Liebestöter.

Die Lamadecke von der letzten Kaffeefahrt seiner Großmutter wärmte seinen Wams. So brauchte er in seiner Wohnung von 6.00 Uhr bis 18.00 Uhr keinen Strom. Dann aber kam der Sicherheitsdienst und er musste raus. Aus dem Papiercontainer der nahegelegenen Creperie holte er sich leere Eierkartons. Die brauchte er, um die Wohnungsdecken damit zu verkleiden. Das war nicht nur ein Schallschutz gegen die zeternde Großfamilie über ihn, sondern auch ein idealer Kälteschutz. Die alten Gesternzeitungen steckte er unter das Laken seines Bettes, das knisterte etwas beim Schlafen, aber hielt ihn von unten warm. Zudem stiegen die Buchstaben der Zeitung auf magische Art und Weise in sein Gehirn.  Am Samstag war immer ein Kirchgang angesagt. Morgens waren die meisten Menschen shoppen und er war oft alleine in der katholischen Kirche. Dort stibitze er dann die Opferkerzen. Das merkte keiner. Zuhause schmolz er diese in seinem Wachskocher auf dem Campinggasgerät zu Wärmeblöcken.  Zwischen 22.00 Uhr und 23.59 Uhr schlich er sich durch das Dickicht in den Nachbargarten. Dort war eine Steckdose für den Rasenmäher. Die Nachbarn hatten die Vorhänge zugezogen. Diese zwei Stunden reichten, alle Akkus, vom Handy über den Laptop bis hin zum Rasierapparat und Epiliergerät aufzuladen.  Merke kein Mensch. Das alles war zwar etwas mühsam, aber so lebte er in einem fast 0-Energiehaus. Die 500 Euro für Gas und Strom sparte er und investierte sie in eine chinesische Atomaktie, die bald explodieren sollte.  Wie schon gesagt, hatte Anselm gekündigt. Im Oktober und November war er der gefragte Redner, was Energiesparen angeht. Nur in Köln sah man ihn nicht gerne. Dort im Dom hatte er wegen der Kerzenaktion Hausverbot. Er stellte die Notfallbroschüren vor, die auf der Homepage des Bundesamtes für Bevölkerungsschutzes und Katastrophenhilfe zu finden waren. Dort gibt es sogar Hefte, wie „Kochen ohne Strom“ (Quelle: https://www.bbk.bund.de

Es gab auch interessante Vorschläge für Menschen, die keinen Keller haben. Das war echt spooky, aber Peter wusste aus seinem AA- Zirkel, die Regierung weiß mehr und wird, im Regierungsflieger im Winter Deutschland fluchtartig verlassen und in Neuseeland um Asyl bitten.

Peter zitiert:

„Grundsätzlich empfehlen wir das Prinzip „lebender Vorrat“. Versuchen Sie, Ihren Vorrat in Ihren alltäglichen Lebensmittelverbrauch zu integrieren. So wird er immer wieder verbraucht und erneuert, ohne dass Lebensmittel verderben.  Kaufen Sie beispielsweise zwei Packungen Nudeln und achten Sie darauf, Nachschub zu besorgen, bevor die letzte Packung angebrochen wird. Neu gekaufte Vorräte gehören dabei nach „hinten“ ins Regal: Brauchen Sie die älteren Lebensmittel zuerst auf, damit möglichst nichts verdirbt.

Wenn es Ihnen dennoch an Platz fehlt, gibt es verschiedene kreative Ansätze, Stauraum in kleinen Wohnungen zu nutzen. Getränkekästen können beispielsweise zu Sitzgelegenheiten (Hocker) oder Tischen umfunktioniert werden. Im Internet gibt es viele Bastelideen zum Selbermachen, es können aber auch entsprechende Auflagen gekauft werden.“ (Quelle: https://www.bbk.bund.de/DE/Warnung-Vorsorge/Vorsorge/vorsorge_node.html)

So integrierte er Bastelecken in seinen Vorträgen.

Im Dezember dann nahm er das Angebot von Ilgay Günuzly, Inhaber einer Hotelkette in Bodrum an. Dort bot man Rentnern und Langzeiturlaubern an für drei Monate im Hotel zu wohnen. Und das für umsonst. Klar, die Küche war geschlossen, aber auf dem naheliegendem Markt gab es Brot, Oliven und Tee für schmales Geld. Anselm musste nur auf das Hotel aufpassen, von 10-14.00 Uhr den Pool säubern, mal die Blätter zusammenfegen und der Urgroßmutter von Ilgay schöne Augen machen.

Dann wäre der Winter überstanden und Anselm würde als Energieberater für die hiesigen Stadtwerke in die Oberstadt zurückkehren.

Lesung in Bielefeld

Sie machte es sich gemütlich. Wochenende. Kommissarin Sandra Schweger packte ihre Einkäufe vom Wochenmarkt in den Kühlschrank und wollte das das neue Buch lesen. Spinnereimord. Aber der Reihe nach.

„Mama, was ist das?“ fragte Jule-Melody ihre Mutter. Beide kauften gerade in der Bäckerei ihres Vertrauens ein, als  am Himmel  eine neue Erscheinung auftrat. Ein neues Wetterphänomen, das Jule-Melody noch nie gesehen hatte. Sie hatte Angst. „Das ist Regen!“ antwortete die Mutter, „den gab es hier öfter. Bielefeld war früher das Regenloch der Republik, aber seit es den Klimawandel gibt, herrscht in Ostwestfalen Dürre!“

Sandra Schweger besuchte eine Lesung. Etwas für ihren Kopf. Sie bekam das Gespräch von Mutter und Tochter mit, denn der bekannte Krimiautor Matthias Löwe präsentierte seinen neuesten Krimi in einer Bäckerei. Nein, es war kein VHS-Forum für Nachwuchsschreiber, sondern ein exponierter Ort und eine Veranstaltung einer hiesigen Buchhandlung.

Sandra war die jüngste Zuhörerin. Wer konnte schon nachmittags um halb fünf. Sie hatte als Kommissarin in dieser Woche überstundenfrei. Insgesamt 1323 Stunden Mehrarbeit hatte Sie auf dem Konto. In Bielefeld gab es viele Kriminelle.

Es war warm und für fünf Euro Eintrittsgeld bekam sie auch noch Kaffee und Kuchen. Und sie bekam Jule-Melody mit, die auf ihrer Smartwatch das Wort „Regen“ googelte.

Sandra liebte die Geschichten ihres fiktiven Kollegen Bröker, der keinen Vornamen hatte.

In Echt war er kein Kollege, sondern Privatdetektiv mit einem immensen Hunger und heftigen Burgunderdurst.  Nein, es war kein Hunger, es war Appetit. Bei Feinkost Klötzer war er Dauergast.

Und endlich konnte Sandra dem Autor der Krimireihe mal in die echten Augen schauen und ein Autogramm erhaschen. Ihr kam aber bei der Lesung ein leichter Verdacht. War der Autor wirklich echt? Oder war er nicht beim WDR angestellt? Ein Ghostwriter für die Tatortkrimis?

Wie kam sie darauf?

Ermittler Bröker erschien in ihrem geistigen Auge. Anfang 50, 176 groß und 110 kg schwer. Manchmal etwas trottelig aber herzensgut und lustig.

Und er sah aus wie Kommissar Thiel aus dem Münster-Tatort. Thiel hatte doch auch kein Vorname, so wie Bröker . Aha!

1.Punkt!

Seit 2002 ermitteln Professor Boerne und Kommissar Thiel zwischen Aasee und Kreuzviertel in Münster. Sandra Schweger wurde neugieriger und sie schaute sich alte Tatortfilme an.

Sie fand Punkt 2: Thiel konnte nicht Autofahren. Er hatte einen kiffenden Vater mit Taxi und Bröker nutzte die Öffis oder auch die Taxen der Leineweberstadt.

Punkt 3:  Bröker ist erst vor kurzem in die Smartphone-Welt eingetaucht. Thiel nutzte noch ein altes Nokia-Klapphandy mit Tasten. Bingo. Punkt 4:Beide Ermittler hatten kauzige Freunde. Bei Bröker wohnte ein junger Computer-Nerd, bei Thiel war der superschlaue Pathologe Boerne Nachbar.

Und nun noch Punkt 5. Beide hatten etwas viel auf den Rippen. Bei Bröker erweiterte sich der Gürtelumfang durch fetten Käse , Ibericoschnitzel und Grauburgunder. Thiel stand eher auf Fast Food und Astra Bier. In Münster gibt es kein gutes eigenes Bier. Vielleicht das Pinkus-Bier. Vielleicht. In der Cavete die älteste Studentenkneipe Münster, stand man mehr auf das Craftbier des Jurastudenten Helmut von Bodenfeld. Leider soll  er in einem Tatort 2023 umgebracht werden. Vielleicht ein Thema für unseren Autor?

Und nun der 6.Punkt: Der Autor Matthias Löwe wohnte in Münster.

Sandra Schweger wollte dies nun alles fragen und es stellte sich heraus: Bingo. Sie hatte recht!

Die Bielefeld-Krimis spielen nicht in Bielefeld, sondern in echt in Münster. Dieses Geheimnis durfte Sandra niemals verraten. Der Autor bat sie inständig darum und wollte ihr Schweigegeld anbieten. Aber als ordentliche Beamtin durfte sie kein Geld annehmen. So wurde vereinbart, dass Sandra Schweger in neuem Roman von Löwe neben Bröker die Hauptrolle spielen darf und auf der nächsten Lesereise mitfahren darf. So saß sie nun auf dem Sofa, las den letzten Band von Bröker. Hier ging es ums Containern. Was das wohl ist? Sie malte sich aus, wie sie im neuesten Buch beschrieben wird und darauf, dass sie im echten Tatort, also im Tatort aus Münster eine Rolle bekommt.

Mechtild Großmann spielte die Stadtanwältin Wilhelmine Klemm, vielleicht konnte Sandra Schweger die Expertin aus dem Oberzentrum werden, die sich besonders gut um Enkeltricks auskennt.

Das sollte das Thema des neuen Romans von Matthias Löwe sein. Oder vielleicht der Tod des Jura-Studenten?

Ich kann die Bücher von Matthias Löwe wärmstens empfehlen. Ich würde mit Band 1 starten. Die Bücher sind im Pendragon-Verlag erschienen.

Kesselbrink

Franz Sannemann, Buftie und Ehrenamtler bei der Bahnhofsmission sammelte den Kronkorken ein, den die bekannte Kleinkriminelle Helga Fahrenholz verloren hatte. Im Deckel war der Gewinncode für die 1 Millionen  Euro, mit denen jetzt die Bahnhofsmission ausgebaut werden soll. Eine große Brauerei hatte ein Gewinnspiel ausgeschrieben. Der Bielefelder Hauptbahnhofvorplatz sollte neu gestaltet werden. Da konnte man als wichtige diakonische Einrichtung nun mitspielen.

Franz Sannemann blätterte durch die Gazetten der Stadt und lies seinen Blick über den Kesselbrink schweben, während er den bekannten und geliebten Backfisch auf dem Wochenmarkt genoss. Hier fehlen auch noch gemütliche Bänke, die ja jetzt endlich auf dem Jahnplatz aufgestellt werden sollen. Die Stadt überlegt, den Jahnplatz zusätzlich mit Palmen zu begrünen. Diese sollen in Kübeln dort stehen und könnten im Winter in die umliegenden Geschäfte geschoben werden. Das wären dann die neuen Weihnachtsbäume. Tannen sterben ja aus. Zudem steht am Jahnplatz jetzt ein Fahrradfahrerzähler. Wow, mehr als 1 Millionen gezählte Fahrradfahrer. Komisch, Bielefeld hat doch nur 320000 Einwohner. Neben der Arthur-Ladebeck Straße ist die Jöllenbeckerstraße reich frequentiert. Mehr als 1000 Radfahrer pro Tag. Und das ist eine echte Todesstrecke. Wer jemals die Jöllenbeckerstraße zwischen Apfelstraße und Ostwestfalendamm geradelt ist, weiß wie gefährlich es ist. Meine Schwiegermutter war neu in der Stadt Bielefeld. Sie zog vom klimageschädigten Rheinland in die neue Mitte Deutschlands- Bielefeld. Mit ihren 82 Jahren radelte sie dort lang und hat die die 2000 Meter Wegstrecke nur auf dem Gehweg geschoben.

Radwege sind in Bielefeld ein tolles Thema. Aber die Stadt hat Geld. Auch für extra Mülltouren. Denn, wenn man auf dem Radweg am Jahnplatz Mülltonnen hinstellt, damit sie geleert werden, hat man Pech gehabt. Sie werden dann nicht geleert. Nach Paragraph 45 § Abs.3a der Straßenverkehrsordnung müssen Mülltonnen eben nicht auf Radwegen stehen. Die Baubehörde der Stadt aber hat genug Geld. Bei einem Verkehrsversuch hatte man falsche Pömpel oder auch Poller installiert. Das kostet ein paar tausend Euro. Vielleicht sollte man die Bikeline abpömpeln.

Franz Sannemann tunkte seinen Backfisch in die Remoulade. Fett pur, aber Franz genoss sonst nur Hagebuttentee und Gurkenbrote. Alles gut!  Franz schaute auf das hässliche Parkhaus, welches nun bald abgerissen werden sollte. Endlich kam der Schandfleck weg. Im Erdgeschoss war der beliebte Asiamarkt mit der netten Vietnamesin Khan Han Liang. Sie trug immer Gummihandschuhe beim Kassieren. Das auch schon vor Corona und ab 20 Euro Einkaufswert schenkte sie Franz immer einen Glückskeks. Daneben war ein Ausstellungsraum für Künstler und die Restetruhe. Der Stoffmarkt seit 1678. Wo wird sie hinziehen? Auf der Ecke war heute ein Dönerladen. Davor die Kneipe „zum Stiefelknecht“ und ganz früher eine Stätte der NSDAP.  Leider gab es auf dem Kesselbrink keine Gedenkstelle für die  420  jü­di­schen Kin­der, Frau­en und Män­ner  die am 13. De­zem­ber 1941 von dort in Richtung Bahnhof zu Deportation nach Riga versammelt wurden (Vor dem Bahnhof steht nun eine Tafel mit den Namen der Menschen).

So wird der Kesselbrink auch bald anschauen. Franz Sannemann kaufte für seine Enkelin das neue Bielefeld Wimmelbuch. Dort gab es eine Seite mit dem Kesse. Es wurde neu veröffentlicht. Leider war das Buch bei seiner Erscheinung schon wieder Geschichte, konnte man da noch das hässliche Parkhaus sehen. Was nun dort hinkommt?  Er spülte den Fisch mit einem Tiger Bier runter. Der Tag war perfekt.

Tatort

Samstag war Kesse. Samstag war Kesselbrinkmarkt. Sandra Schweger, Kommissarin besuchte ihn jeden Samstag. Sie genoss die einzigartige Atmosphäre. Der Wochenmarkt in Freiburg vor der Kirche, oder im historischen Aschaffenburg mit seinen alten Häusern war sicherlich romantischer mit Wohlfühlklima. Der Wochenmarkt in Berlin Kreuzberg war auch super. Die Preise waren grandios, ein wenig Klein-Istanbul in der Hauptstadt. Der Kesselbrink hatte alles. Aber leider keine Wohlfühlatmosphäre. Vielleicht für die vielen Kleinkinder die bei tropischen Temperaturen in den Wasserfontänen spielten. Sandra Schweger kannte sie alle. Die Trinkerszene,  Hans Hubert, den Blumenverkäufer und Abdul el Fasi,bei dem sie immer die leckeren Streichpasten für das Ciabatta kaufte. Verena Hölker verkaufte popofrische Eier und beim Wurst-Hannes gab es Iberico-Schnitzel für 39,99 Euro, von denen Sandra sich immer eins kaufte. Seit einigen Wochen herrschte Inflation und die Gaspreise explodierten. Das bekam auch der Biogemüsehändler zu spüren. Im Bioboom investierte die Bodengemeinschaft Hasengrün viel in Gründüngungen und Mondzyklen. Das Gemüse war frei von allem was schaden kann, aber das Kilo Tomaten für 11,99 Euro wurde liegen gelassen. Personalentlassungen waren unvermeidbar. Es gab auf dem Markt überreife Tomaten aus Holland für 0,79 Euro das Kilo. Alle eingeschweißt in Plastik und folierte Gurken für 0,39 Euro. Diese fanden reißenden Absatz.

Mit vollen Taschen ging Sandra Schweger nach Hause. Sie wohnte hinter dem Boulevard, wo sie öfters eingesetzt wurde um Hooligans zu beruhigen. Sie hatte eine nette Stimme und verfügte über Kompetenzen im Bereich der „Neuen Autorität“, naja, und immerhin hatte sie Kabelbinder und im Halfter eine Pistole. Auch Autorität. Sandra schlenderte an der neuen Baulücke am Bahnhof vorbei. Hier soll ein neues Hotel gebaut werden. Die Baulücke war aber nur 10 Meter breit. Kommt hier ein Stundenhotel hinein oder wirklich ein Ibis-Kasten? Sollte ihr egal sein. Sandra war immer die erste am Kesselbrinkmarkt und so waren auch nicht viele Menschen am Bahnhof. Sie war bereits im Bahnhofstunnel mit ihren Taschen. Da sah sie eine junge Frau von der anderen Seite kommen. War das nicht die gesuchte Flaschenbetrügerin Helga Fahrenholz, die stadtweit wegen Betrug gesucht war? Ja, das musste sie sein. Als Beamtin war sie für Volk und Vaterland immer im Einsatz und stellte sich der vermutlichen Täterin in den Weg.  Helga wollte der Frau mit den vielen Einkaufstaschen entweichen, prallte aber an der vollen Tüte holländischer Wassertomaten ab und stürzte. Der Beutel mit den Paradeisern platzte und im Tunnel rutschten Helga und Sandra aus. Helga Fahrenholz war schneller. Sie berappelte sich, packte ihre Utensilien zurück in den Rucksack, putzte sich und rannte zum Zug nach Sauerland Süd, um ihren Hauptgewinn abzuholen. Sie musste nur den Kronkorken der Brauerei vorlegen und bekam dann  1000000 Euro. (Siehe Geschichte „Hauptgewinn) Der Zug fuhr ab und Helga war froh es geschafft zu haben. Die Mitarbeiter der Bahnhofsmission halfen Sandra Schweger beim Aufstehen und beim Putzen. Zwischen all dem zerdetschten Gemüse lag ein Kronkorken. Franz Sannemann, Buftie und Ehrenamtler bei der Bahnhofsmission sammelte den Kronkorken ein.  Zu seinem Chef sagte er: „Guck mal, hier ist ein Gewinncode drauf!“  Bingo, die Arbeit der Bahnhofsmission war für Jahre gesichert.

Helga Fahrenholz kramte in Regionalexpress zwischen Paderborn und Altenbecken in ihrem Rucksack. Sie wurde kreideweiss.

Hauptgewinn

Helga Fahrenholz, Kassiererin eines Discounters besuchte den Platz. Sie war gekündigt worden und organisierte sich neu. Helga konnte die Gaspreise nicht mehr bezahlen. Sie übernahm die Spätschicht im Supermarkt und so gegen 21.00 Uhr kamen nur noch selten Kunden. Sie nutzte den Flaschentrick, um ihr Gehalt aufzubessern. Sie befestigte eine PET Karlskrone Flasche mit einer Schnur und schob sie in den Tomra Pfandautomaten. Kurz bevor die Metallklappe die Flasche in den richtigen Container schob, zog sie die Flasche zurück und der Pfandwert von 25 ct wurde ihr gutgeschrieben. Das konnte sie hundert Mal machen. Leider vergaß sie die Überwachungskamera.

Also war sie draußen. Flaschensammeln fand sie nicht gut. 8 ct für eine Bierflasche und das bei dem Gewicht. Vor der Bielefelder Alm standen Flaschenpicker mit großen Mülleimern. Die Claims waren abgesteckt, es gab eine Pickerhierachie. Das mochte sie nicht.  Aber den Pflandflaschentrick fand sie gut. Leider hat das europäische Patentamt ihren Antrag in das Patentbuch abgelehnt.  Helga machte den Trick bei jedem Supermarkt immer nur zehnmal. Solange dauerte es, bis das Alarmsystem des Marktes anschlug. aber laut der Plattform Supermarkencheck gibt es in Bielefeld 129 Supermärkte. Also teilen sich 2480 Einwohner einen Supermarkt. Fast so viele wie es Protestanten in einem Sprengel gibt.

 So konnte Helga Fahrenholz 322,50 Euro am Tag aus den Konsumtempeln ziehen. Wenn sie schnell war. Sportlich war sie ja. Kumpel „Bottleboy“ sammelte Pfandflaschen vor den Arminenspielen ein. Er trug damit einen großen Anteil daran, dass die Gegend um die Bielefelder Alm nach den Heimspielen stets sauber blieb. Er gab Helga den Freecode für die Cityroller, die überall herumstanden. Er lautet 354dfa++234a. Damit schaffte sie es, die vielen Märkte abzuklappern. Täglich wechselte sie Ihre Kleidung und nutzte immer öfter das Spiderman-Kostüm aus dem Angebot.

Aber immer mehr überlegte sie sich, ob das wirklich der Sinn im Leben sein sollte. Sie nahm sich zuerst ein Beispiel an Pfandsammler Eduard Lüning (Quelle Süddeutsche Zeitung). Er verdiente bis zu 13000 Euro mit dem Dreck anderer Leute. Sie kam im Monat, wenn alles klappte: 0,25 ct mal 10 mal 129 Supermärkten 7740 Euro verdienen, aber dann musste auch alles passen. Und dann müsste sie Steuern zahlen müssen und irgendwie war sie ja auch illegal. Helga war unglücklich.

Am Freitagabend besuchte sie Flaschenpicker Bottleboy. Arminia hatte das 1.Heimspiel seit Monaten gewonnen. Die Fans waren seelig. Bottleboy und Helga schlenderten zum Elch im Oetkerpark. Dort feierten noch die Fans des Fanclubs „fette Wampe“ und luden sie zu einem Bier ein. Helga steckte die Kronkorken und ihren Rucksack. Zu Hause scannte sie die Kronkorken. Eine Brauerei hatte ein Gewinnspiel auf den Kronkorken gedruckt. Hautgewinn 1.000000 Euro, wer den richtigen Gewinncode der Brauerei in die Homepage eintrug.  Helga tippte ein. Acht Zeichen mussten es sein

AB4+#?% passten schon nun fehlt noch die letzte Ziffer. Mit zitternden Händen drückte sie auf der Tastatur auf die 7. Die magische 7. Die heilige 7. und…..

Bingo! Hauptgewinn. Sie erhielt eine geheime Telefonnummer und rief in der Brauerei an.

Bingo, 1000000 Euro Hauptgewinn. Helga war reich, Helga war sprachlos. Helga kippte vom Stuhl.

Sie solle am nächsten Tag in das Sauerland fahren und den Kronkorken vorzeigen. Den heiligen, den einzigen Kronkorken. Sie dürfe ihn nicht verlieren.  Dann würde man eine Pressekonferenz halten, dass der Hauptgewinn nach Bielefeld geht. Leider hingen aber rund um den Bahnhof Fahndungsfotos von ihr, weil Hauptkommissarin Sandra Schweger sie beim Pfandtrick fotografiert hatte und der Lidl eine Strafanzeige schrieb.  Helga musste irgendwie in den Zug kommen, der in das Sauerland vor. Würde sie es schaffen?

Klosterplatz

In den Bielefelder Zeitungen gibt es mal wieder ein neues Thema. Es gibt einen Platz in Bielefeld, der so etwas von schön, so etwas von zentral, so etwas von begehrt ist, dass ihn alle haben wollen. Der Klosterplatz. Aber er kann nicht entwickelt werden, weil sich Stadt, katholische Klostergemeinde und die Klosterschule sich darum streiten, wer diesen Platz nutzen kann. Wenn man die Wüstenei Jahnplatz verlässt und zehn Minuten geht, kommt man zum Klosterplatz. Warum aber wird er nicht genutzt ?

Schauen wir uns das mal an. Da wollen Kirchgänger, OGS-Kinder, Gastronomen und Partypeople sich dort breit machen. Außerdem sagte die Schulleiterin, dass ihre Kinder aus ganz Bielefeld kommen und Zugänge für die Mamataxis bereit stehen müssen. 

Die ehemalige Kirche des Franziskanerordens wurde im Jahr 1511 geweiht. Im Innern der St. Jodokuskirche befinden sich sehenswerte Kostbarkeiten: die „Schwarze Madonna“ aus dem Jahre 1220, die Holzplastik des heiligen Jodokus um 1480 und die Ikonenwand von Saweljew von 1962. Und so wollte der Pater genügend Busplätze bereithalten, damit die polnischen Pilgerreisenden parken konnten. In der Komödie spielten die Stereotypen und Marvin und seine Partnerin wünschten sich eine After-Show-Party auf dem Platz.

Es gab einen Abend- und einen Flohmarkt. Und Weihnachten gab  es eine Eisbahn. Aber es gibt viele Probleme, denn dieser Platz war auch Schulhof.

Gerd Pape war Investor.

Er sah im Klosterplatz enormes Entwicklungspotential. Er löste alle Probleme. Mit Geld ging doch alles. So ging er vor. Zunächst musste dies komische Schule weg. Wer brauchte im protestantischen Bielefeld eine katholische Schule ? Und wenn die Eltern aus Hoberge – Uerentrup kommen, dann können ihre SUVs, auch wo anders parken. 

Gerd Pape ließ das Parkhaus am Kesselbrink abreisen. Dort spendierte er der Schulleiterin einen Neubau. Aber wir kam das Heilige in die neue Schule?  Gerd Pape knipste der Schwarzen Madonna von 1220 einen Fingernagel ab, beauftragte die lokale Brauerei ein Madonnenbier aufzulegen und Pater Hubertus Seelenheim würde den Neubau einsegnen.  In das alte Schulgebäude verortete Gerd stylische Galerien und das Ordnungsamt. Beide Einrichtungen sorgten dafür, dass es auch Laufpublikum gab. Dann pachtete er von der klammen Kommune Bielefeld den Klosterplatz für 99 Jahre. Dann legte er einen Veranstaltungskalender vor, der vom Stricklisl-Wettbewerb, über Dackel-Shampooing bis zum Fortniteturnier führte und jeden Abend sprudelnde Einnahmen garantierte. Natürlich musste Sharon McSheen eine Gebühr bezahlen, wenn sie einen schottischen Wasserpfeifenkurs anbieten wollte.

Holger Weizenfeld, jetzt Brauer aus Bielefeld, eröffnete den ersten Bierbrunnen in Ostwestfalen. Für die polnischen Pilger gab es das Madonnenbier für fünf Euro samt Segen des Priesters. Der Klosterplatz war der neue Treffpunkt. Die Grundschule bekam die Hüpfburg und die Bierbänke der Brauerei für den Schulhof. Kundenbindung 2022.

Helga Fahrenholz, Kassiererin eines Discounters besuchte den Platz. Sie war gekündigt worden und organisierte sich neu. Helga konnte die Gaspreise nicht mehr bezahlen. Sie übernahm die Spätschicht im Supermarkt und so gegen 21.00 Uhr kamen nur noch selten Kunden. Sie nutzte den Flaschentrick, um ihr Gehalt aufzubessern. Sie befestigte eine PET Karlskrone Flasche mit einer Schnur und schob sie in den Tomra Pfandautomaten. Kurz bevor die Metallklappe die Flasche in den richtigen Container schob, zog sie die Flasche zurück und der Pfandwert von 25 ct wurde ihr gutgeschrieben. Das konnte sie hundert Mal machen. Leider vergaß sie die Überwachungskamera.

Bier

Holger Weizenfeld war Brauer in der 10.Generation. 1653 hatte sein Ur-Ur-Ur-Urgroßvater Ambrosius Wytenfelte in Krachtenhausen das erste lippische Roggennbier gebraut. Es war bitter und sauer aber es wurde natürlich jeden Abend getrunken, denn Bier ist ein Lebensmittel. Das harte lippische Bauernbrot wurde dort eingedippt und schon kleinen Kindern als Lebenselixier eingeflößt. Die kleine Brauerei entwickelte sich bis 1999. „Weizenfelders“ wurde die lokale Biersorte. Obwohl kein Weizen darin war. Auf der Flasche konnte man Ambrosius Wytenfelte Konterfei mit feinen Pausbäckchen und Brauerschürze sehen. Die Gäste kamen in die angebaute Brauereigaststätte zum Stammtisch und Skatabend.

Dann aber wurden das Fernsehen und das Internet auch in dem Örtchen Krachtenhausen immer wichtiger, die Stammgäste kamen nicht mehr und der Discounter bot Schädelmeister für 4,99 Euro an. Holger Weizenfelder bekam Besuch von einen Mitarbeiter von Radeberger. Radeberger ist die größte Brauerei in Deutschland, was nicht ganz stimmt, es sind mehrere Firmen darunter. Und sogar Dr. Oetker steckt mit drin. Radeberger wollte „Weizenfelders“ übernehmen und Holger einen Job geben. Die Bierindustrie ist ein bedeutender Teil der deutschen Wirtschaft und ihr Interesse an Statistiken zum Kauf- und Konsumverhalten der Deutschen dementsprechend groß, so dass einige interessante Fakten über den deutschen Biermarkt herausgefunden werden sollen. Das sollte Holger herausfinden.  Er verkaufte die Brauerei und war als freischaffender Biermarktanalyst unterwegs.

Er erfuhr, dass im nahe gelegenen Brackwede eine neue Brauerei aufgemacht werden sollte.

Leider stand sein Name nicht auf der Gästeliste. Das kannte er schon. Wie ein Testesser für den Michelin-Stern war er oft inkognito unterwegs. Brackwede.. zwischen türkischen Brautläden, Goldstuben, Handyshops und Grillstube Marmaris suchte er vergeblich nach der Brauerei. In seinem Kopf sucht er nach messingfarbenen Braupötten und roten Backsteingebäuden. und vermisste den süßlichen Geruch, der beim Brauen entsteht. Vanille konnte man riechen. Dr.Oetker war in der Nähe.

In seinem Gedächtnis hatte er das Dortmunder U und die alte Becks-Brauerei gespeichert. So etwas sah er nicht.  Dann erblickte er  ein neues Gebäude, stylisch modern. Er turnte eine halbe Stunde auf der Hüpfburg  auf der Einweihungsfeier und gönnte sich dann das neue Bier, welches in modernen Bechern ausgegeben wurde. Die Flaschen hinter der Theke waren fein drappiert und beleuchtet. Die Inneneinrichtung war nüchtern modern, kein Mief mehr von Bierecktischen, grünen Tischdecken und Stolvesand-Zigaretten.

Holger suchte verzweifelt nach dem Slogan der Brauerei. Er kannte sie alle. Alle Werbesprüche.

„Heute ein König“ , „Gut, besser, Paulaner, “

„irgendwann erfrischt es jeden“,

„Männer wie wir, Wicküler Bier“,

 „nicht immer, aber immer öfter“,

„Bitte ein Bit“,  

„Barre Bräu – dein Herz erfreu“.

Womit warb man hier? Kein Eisvogel, kein rauschender Bach, keine Nordseeinseln, keine dicken Mönche. Wenn die neue Brauerei sich keine Marketingkampagne ausgedacht hatte, musste sie so von dem Gebräu überzeugt sein, dass alleine das Design und der Geschmack Kunden aus ganz Deutschland anziehen würden.  Auf der Bierflasche Stand „Bielefelder“, es waren Kacheln zu sehen, was an die Bielefelder Sparren erinnern sollte. Und doch, da war noch eine Burg zu sehen.

War das eine Rückbesinnung auf die alten Zeiten? In Paderborn brachte man ein Pilgerbier heraus, ein Ambrosius und ein Bier mit Namen „Walz“ und sogar die alte Bitburger Brauerei setzten auf den Nostalgieboom. Ihr Landbier kam in einer dicken Pulle mit alten Bauernhäusern und dem schönen Namen Eifelbräu in die Supermärkte.

Diese Brauerei sah so anders aus. So modern, so jung. Ob sie mit dem neuen Konzept erfolgreich bleibt? Die meisten Biertrinker in Deutschland sind ja wie Holger Weizenfeld schon älter und denken an die alten guten Zeiten zurück. Für sie kostet ein Kasten Bier zehn Euro. Was sollte Holger seinen Auftraggebern berichten?  Eine neue Brauerei mit modernem Auftritt, die sich gar nicht mehr Brauerei nennt, sondern Braumanufaktur.

Das machte ihn neugierig.

Der Begriff „Manufaktur“ kommt aus dem Lateinischen. „Manus“ ist die Hand und „factura“ kommt von „machen“. Manufaktur heißt also, dass man etwas mit der Hand herstellt. Unter einer Manufaktur versteht man einen Betrieb, der zwischen dem traditionellen Handwerk und der modernen Fabrik steht. Und das gefiel Holger. Das passte. Das gefiel ihm. Dieses Bier war nicht zum Durstlöschen, sondern steht für ein gut gemachtes hochpreisiges Bier, was man genießen und nicht kippen sollte.  Dafür gab es durchaus einen Absatzmarkt.

Ein Bier halt der Spitzenklasse.

Dann fand er den Slogan der Brauerei: Braut dich um!

Holger bestellte noch mehrere Flutlicht-Biere, träumte vom Abendspiel der Arminia und beschloss: „Hier gehe ich nicht wieder weg.“  Das ist so lecker hier. Um 01.45 Uhr saß er immer noch bierselig auf der Bierbank und kam mit dem Gründer der Brauerei ins Gespräch. Als der Unternehmer hörte, dass Holger Weizenfeld im 1.Leben Brauer war, gab er ihm sofort ein Jobangebot. Die Bielefelder Braumanufaktur sollte expandieren. Holger sollte dabei helfen. Bielefeld gab es wirklich.

Trinkgeld

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Bielefeld hatte ein neues Aufregerthema. Warum soll man heute noch Trinkgeld
geben?

Warum wird fast jede Rechnung im Restaurant aufgerundet. Stimmt so! Stimmt
gar nicht mehr. Helga Fahrenholz regte sich auf.  Sie saß an der Klasse
eines Discounters und bekam den festen Lohn, den alle bekommen.  Sie war
mit ihrer Freundin Eis essen. Sie bestellte einen Cappuccino, der leider halb
kalt war. Ok, es war heiß draußen. Da machte es nicht so viel aus, aber als der
Kellner böse guckte, weil sie kein Trinkgeld gab, rastete Helga aus.

Sie, als Mittarbeiterin des Monats scannt die Artikel in doppelter
Geschwindigkeit in ihrem Discounter ein und keine Kunde sagte: Tolle Arbeit!
Hier ist ein Euro Trinkgeld für Sie!

Oder was war mit der netten Frau auf dem Finanzamt, die ihr bei der
Grundsteuererklärung für ihre kleine Eigentumswohnung in Deppendorf-Süd half.

Ach ja, das war eine Beamtin…Vorteilsnahme im Dienst.  Warum bekommt
die Verkäuferin im Karstadt kein Trinkgeld, obwohl sie Helga top beraten
hatte.  Oder warum bekam der Mäckdonalds Mann kein Trinkgeld? Oder der
hübsche Kartenabreißer beim Konzert des Bielefelder Kinderchores. Aber das Bier
für 4.50 Euro sollte Helga mit fünfzig Cent aufgerundet bezahlen. Das sind fünf
Euro. Dafür bekommt man schon einen Kasten Schädelmeister.

Das sind zehn Prozent!

Mehr!

Ach, die armen Studierenden, die kellnern müssen, verdienen doch so wenig.

„Quatsch“, dachte Helga, „die bekommen Mindestlohn!“ Und wenn die
studentischen Kellnerkräfte mit ihren Tattoos und Piercings Helga nahe kam,
kriegte sie Hals.

Trinkgeld sollte der Koch bekommen, der irgendwie im Bauch des Restaurants
hockt, nie das Tageslicht sieht und oft unqualifiziertes Aushilfspersonal um
sich hat. Helga bekam die Energiepauschale von 300 Euro und durch die 9 Euro
Tickets sparte sie einiges an Geld. Sie lud sich selbst in Bielefelds edelstem
Restaurant ein. 

Als Vorspeise nahm sie

Serrano Gran Reserva 25 Monate gereift auf „Berkel“ – frisch aufgeschnitten
Algenbutter sowie Pane artigianale und als Hauptgericht:

Gebratenes Steinbuttfilet auf Wassermelone und Kampot-Pfeffer sowie
Paprika-Melonensoße sowie Mungobohnen-Sprossen. Beides zusammen kostete fünfzig
Euro.

Der Nachtisch bestand aus einer Five Spices-Panna Cotta mit Sesam-Crumble 
und grünem Shiso.

Helga genoss das Essen, abe in dem Moment als sie die Five-Spices-Panna
Cotta Krem auf dem Löffel hatte, sprang sie auf, rannte in die Küche des
Restaurants, fiel dem Patissier um den Hals und drückte ihm zehn Euro Trinkgeld
in die Flossen. So etwas Leckeres hatte sie noch nie gegessen. Er hatte die
Leistung gebracht, nicht die hübsche und nette Bedienung Frau Süßenbach.

In der hiesigen Zeitung wurde berichtet, dass eine Burgerkette den Kunden
freigestellt hatte, was sie, also die Kunden, für den Bratling zahlen wollen.
Ein Student hat wahrlich nur sechs Cent gegeben. Die Aufregung war groß, aber
vielleicht war das Salatblatt welk oder im Rinderhack wanden sich Würmer. Dann
waren sogar sechs Cent zu viel. Aber das war schon krass. Ob sich das
Experiment gelohnt hatte, wird verraten. Wahrscheinlich nicht.

Aber es gab mal wieder Probleme an der Lutter. Sie lief voll. Hochwasser und
Zechgelage. Und Müll. Und am Jahnplatz waren Firmen aus Süddeutschland dabei
mit Hochdruck Kaugummiflecken zu entfernen

 

Weihnachtspyramide

Durch die von den Kerzen erwärmte, aufsteigende Luft werden das Flügelrad und die mit der Welle verbundenen Teller in Drehung versetzt. Traditionell drehen sich Weihnachtspyramiden im Uhrzeigersinn, seltener auch entgegen dem Uhrzeigersinn.

Und Bielefeld soll die größte Weihnachtspyramide Nordrhein-Westfalens bekommen.

Sie soll auf dem grauen Jahnplatz stehen und ein wenig Glanz in die Hütte bringen.  Die Idee der Stadt war wie immer umstritten. Die Stadt beschließt angesichts der drohenden Gasnotlage einen Energiesparplan. Am gleichen Tag bewirbt sie die neue Licht-Attraktion für den Weihnachtsmarkt. Was kann man da nun tun?  Das passt nicht.

Und die Stadt Paderborn hat auch schon eine Pyramide. Nicht nur, dass sie auch 20 Meter hoch ist, sie ist sogar begehbar. Und an der Spitze ist ein Fingernagel vom heiligen Liborius, was den Weihnachtsmarktbesucher noch seliger macht. Paderborn war mit seinem Pilger Bier und seinem Fußballverein momentan der Oberstadt überlegen. Das kann doch nicht wahr sein.

Die Bielefelder Pyramide wurde bereits in Leipzig gefertigt. Kamen die Pyramiden nicht aus dem Erzgebirge. Ist Leipzig nicht in Sachsen?  Um also die größte jahresendzeitliche Schnitzskulptur fertig zu bekommen, befestigte Schnitzskulpturmeister Volkmar Hellfritzsch noch eine Redbull…ach nein, Arminiafahne an der Spitze. Irgendwann musste es mit den blauen Göttern wieder aufwärts gehen. Man befand sich nach vier Spieltagen mitten im Abstiegskampf.

Zurück zur Pyramide. Wie konnte man es den Bielefeldern vermitteln, dass die Pyramide keine Energieschleuder war. Die Stadtplaner waren frustriert. Da bekamen sie ein Angebot von

Hans-Walter Barke.  (Siehe vorherige Geschichte)

Hans-Walter war Vater von Kim Barke, Schülerin der Klasse 5 der Sekundärschule aus einem Vordorf Bielefelds. Er war Klassenpflegschaftsvorsitzender und als stolzer Vater natürlich im Förderverein der Schule. Er war Schausteller, etwas aus der Form geraten, ob der vielen Bratwürste von den Stadtfesten und lernte Henriette Kottmann, stolze Bonbonladeninhaberin und Society Girl bei einem Schultreffen kennen. Beide witterten ein Geschäft.

Hans-Walter mit Krücken. Er rutschte auf einer Wurst aus. Foto under cc-licence

Hans-Walter übernahm alle Kosten für die Weihnachtspyramide. Im Untergeschoss waren seine Bratwurstschmiede und Henriettes Candy-Shop. Mit der Abluft aus seinen Friteusen, der Menschenwärme und zehn Meter hohen Kerzen, die er im Paderborner Dom gekauft hatte, konnte die Weihnachtspyramide ihre Runden machen. Wärme steigt nach oben. Passt! So marschierten Maria und Josef und die Hirten in einer Wahnsinnsgeschwindigkeit rum und rum und rum. Hoffentlich wird ihnen nicht schlecht.

Die Flügel der Pyramide erzeugten sogar Strom. Wie bei einem Windrad. Hans-Walter musste nur immer schauen, ob die Pyramide sich nach links oder rechts dreht. Was brauchte er? Gleichstrom oder Wechselstrom? Nur leider konnte die Pyramide nicht bestiegen werden. Das ging nur in Paderborn. Aber man konnte unten durch kriechen, befand sich dich unter dem Jahnplatz ein Tunnel. Und so bekamen die Bielefelder ein neues Highlight auf dem Platz und unter dem Platz: einen freien Blick auf die Antriebskurbeln der Pyramide. Der Student, der am Jahnplatztunnel mit Flyern und QR-Codes für 59 ct auf dieses pneumatische Wunderding aufmerksam machen wollte, ging aber leider nur mit 1,18 Euro nach acht Stunden Arbeit nach Hause. Interessieren tat es niemanden. Vielleicht sollten das Bielefelder Tanzensemble und der Kinderchor Lieder aus der Grotte spielen. Es gab noch genügend Zeit zum Üben.

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