Weihnachtsmarkt 2026

In der Weihnachtsmarktsaison 2026 darf nur noch auf das Gelände, wer auf seinem Smartphone eine offizielle App installiert hat, in der grundlegende Profildaten hinterlegt sind – Name, Geburtsdatum, optional eine Mailadresse, angeblich „nur für die Sicherheit und zur besseren Besucherlenkung“. Am Eingang entstehen Schlangen vor provisorischen Kontrollinseln: Wer die App nicht hat, muss sie noch schnell im WLAN der Stadt herunterladen, wer kein Smartphone besitzt, wird an eine kleine Containerbude verwiesen, wo „Ersatz-Zutrittskarten“ ausgegeben werden, gegen Ausweisscan und Unterschrift auf einem langen Datenschutzformular.​

Weihnachten 2026 kehrt der Bielefelder Weihnachtsmarkt damit gleichzeitig heller und kontrollierter zurück als je zuvor; Betonblöcke und Wassercontainer stehen dichter, Kameras überwachen die Zugänge, und auf großen Monitoren flimmern Hinweise, dass man mit der App auch „Highlights speichern“ und „Routen planen“ kann. Viele Bielefelder sprechen von einer „Festung Weihnachtsmarkt“, und doch drängen sich mehr Menschen denn je zwischen Glühweinständen und LED-Schneeflocken, ihre Displays wie kleine Zusatzlichter in der Hand.​

Jan hat ein widersprüchliches Jahr hinter sich. Der Clip von seinem Auftritt am Honigkuchenstand ging viral, brachte ihm ein paar gebuchte Auftritte und einen kurzen Fernsehbeitrag, aber der große Durchbruch blieb aus. Sein alter Chorleiter spricht bis heute nicht mehr mit ihm, dafür hält Ciano Galetto, der Theatermann, zu ihm, besetzt ihn in einer Weihnachtsrevue, bis auch diese Produktion dem Rotstift zum Opfer fällt. Am 23. Dezember 2026 sitzt Jan wieder mit seiner alten, leicht verbeulten Box an einem offiziellen Musikspot am Rand des Marktes, registriert über die neue App als „Straßenmusiker im Rahmenprogramm“, innerlich aber überzeugt, dass seine Zeit gewesen ist.​

Auch Heidi hat ihr Jahr gespürt. Die steigenden Standgebühren und explodierenden Energiepreise zwingen sie im Frühjahr, ihren Honigkuchenwagen aufzugeben; sie arbeitet an der Kasse eines Discounters und backt nachts weiter für treue Stammkunden. Im Sommer ergattert sie einen Platz in einer städtischen „Regional-Box“, darf beim Weihnachtsmarkt 2026 dabei sein, allerdings jede Woche an einem anderen Ende des Marktes, immer ein bisschen am Rand, nie ganz mitten im Geschehen; jede Ortsverlegung ploppt als Push-Nachricht in der App auf.​

An diesem Abend beginnt es zu schneien, während Jan seine Setliste zum dritten Mal durchgeht und ihm seine eigenen Lieder vorkommen wie eine abgenutzte Playlist, die zu einem anderen Leben gehört. Er spielt mechanisch, nickt den vorbeiziehenden Menschen zu, von denen die meisten an der Zugangsschleuse kurz ihr Handy hochgehalten haben, und fragt sich, ob der Moment am Honigkuchenstand damals nicht einfach ein Zufall war, eine Laune des Algorithmus, die sich nicht wiederholt. Dann hört er hinter sich ein Lachen, das er sofort erkennt. Heidi steht neben ihm, mit einer Thermoskanne in der einen Hand, einem Tablett mit übrig gebliebenen Honigkuchenstücken aus ihrer Wanderbox in der anderen und einem Handy, auf dessen Display noch das grüne Häkchen der Zugangskontrolle zu sehen ist.​

Sie wirkt müde, die Augen haben diese feinen Schatten, die man von Nachtarbeit kennt, aber sie lächelt, als wäre es immer noch der erste gemeinsame Abend zwischen Wassercontainern und Kinderkarussell. „Na, Millionär, spielst du immer noch für Kleingeld – und jetzt auch für die Stadt-App?“, fragt sie, und Jan lacht so erleichtert, dass ihm kurz die Stimme wegbleibt. Sie reden nicht lange über das Jahr – nicht über gestrichene Theaterprojekte, nicht über Nachtschichten, nicht über Mahnungen –, sondern über Kleinigkeiten: welcher Glühweinstand verschwunden ist, welche Lichter neu sind, und dass der Markt jedes Jahr ein bisschen mehr nach Kontrolle und ein bisschen weniger nach Unbeschwertheit riecht.​

Dann sagt Heidi plötzlich: „Komm, wir machen’s wie damals. Dieses blöde Lied. Damit wir wissen, dass wir noch da sind – nicht nur als Profil in dieser App.“ Jan will zuerst abwinken – er hat „Last Christmas“ in den letzten Monaten viel zu oft gehört, als wäre es eine Dauerschleife seines eigenen Werdegangs –, aber ihr Blick ist so ernst hinter dem Scherz, dass er schließlich nickt. Er schaltet die kleine Box ein, die schon bessere Tage gesehen hat, räuspert sich und setzt viel zu tief an. Heidi steigt daneben ein, wie immer einen Tick zu hoch.​

Die ersten Takte gehen fast in der Geräuschkulisse des Marktes unter, zwischen Bratwurstdunst, Durchsagen aus der App und dem Dröhnen der Fahrgeschäfte. Dann bleibt jemand stehen. Eine Frau stößt ihren Begleiter an: „Schau mal, das sind doch die von damals, aus diesem Clip…“, und schon zieht sie ihr Handy, auf dem die Weihnachtsmarkt-App ohnehin geöffnet ist, und wechselt nahtlos zur Kamera. Ein Handy wird gezückt, dann das nächste, und plötzlich stehen vor der kleinen, verbeulten Box mehr Menschen als vor manch offizieller Bühne des Rahmenprogramms.​

Jan und Heidi singen schief, wie immer, aber sie singen mit einer Entschlossenheit, als müssten sie durch Beton, Wasserstahl und Bildschirme hindurchklingen. Zwischen den Sicherheitsblöcken bildet sich ein improvisierter Chor aus Fremden, die den Refrain lauter übernehmen, als es die beiden je könnten; manche halten das Handy weiter hoch, andere lassen es sinken und singen einfach mit. Für ein paar Minuten hebt sich etwas von der schweren Rüstung, die der Markt trägt: Die Kameras zeichnen zwar weiterhin alles auf, die Blöcke stehen unverrückbar, und die App zählt im Hintergrund anonymisierte Besucher, aber in den Gesichtern vor Jan und Heidi liegt Wärme, die keine LED und keine Nutzeroberfläche nachahmen kann.​

Als das Lied verklingt, legt Heidi ihm eine Hand auf den Arm. „Siehst du“, sagt sie leise, „wir sind immer noch da. Nicht nur als Datensatz.“ Jan schaut in die Menge, in der noch Handys hochgehalten werden, und ahnt, dass wahrscheinlich schon das nächste Video unterwegs ist, irgendwo in die Feeds dieser Stadt. Zum ersten Mal seit Monaten ist ihm das egal. Es reicht ihm, dass die Leute gerade eben nicht nur gefilmt, nicht nur ihr Zutritts-Häkchen vorgezeigt, sondern mitgesungen haben.​​

Zwischen Betonpollern, Wassercontainern, Zugangsscannern und einem wandernden Honigkuchenstand begreift er, dass sein größter Erfolg vielleicht nicht in Klickzahlen oder Profilaufrufen liegt, sondern in der Fähigkeit, diesen Ort für ein paar Minuten in etwas Warmes zu verwandeln – und dass Heidi, mit ihrer Thermoskanne, den krummen Honigkuchenstücken und ihrem Trotz gegen allzu viel Kontrolle, der wichtigste Teil dieses Erfolgs ist.

Last Christmas

Jan Grabowski machte einen Bummel durch die Oberstadt.

Es war einer dieser klaren, schneidenden Dezemberabende, an denen der Atem in der Luft stehen bleibt und über den Dächern von Bielefeld ein milchiger Dunst aus Lichterketten, Glühweindampf und leiser Weihnachtsmusik hängt. Jan zog den Schal höher. Eigentlich hatte er nur „kurz über den Weihnachtsmarkt“ gehen wollen. Aber schon an der ersten Straßenecke merkte er: Dieses Jahr war etwas anders.

Zwischen den Buden standen stumme, graue Kolosse. Wassercontainer, so groß wie Autos, 1.200 Liter pro Stück. 136 an der Zahl, hatte er gelesen. Sie standen wie schweigende Wächter an den Zufahrten, an Kreuzungen, vor Gassen, die früher einfach nur Wege in die Altstadt gewesen waren. Jetzt wirkten sie wie eine Betonfassung um ein kostbares, verwundbares Herz.

Jan blieb stehen, legte die Hand auf das kalte Metall. Er dachte an Berlin, an Magdeburg, an die Bilder von Lkw, die sich in Menschenmengen bohrten. Plötzlich sah er nicht mehr nur Container – er sah Verhinderung, Panik, Protokolle. Und die leise Frage, ob all das reichen würde.

Ein paar Meter weiter blockierte ein weißer Transporter die Einfahrt zur Obernstraße. „Tim’s Leihwagen“ stand in blauer Schrift auf der Seite. Dahinter ein weiterer, noch einer. Eine provisorische Mauer aus Blech. Jan trat näher, als eine Frau die Fahrertür öffnete und in die Nachtluft trat. Schneehose, dicke Jacke, Stirnlampe.

„Hier darfst du nicht rein, wenn, dann musst du über die Goldstraße fahren“, sagte sie zu einem Taxifahrer, der die Scheibe runterließ. In ihrer Stimme klang keine Aggression, aber auch kein Platz für Diskussion.

„Entschuldigung“, sagte Jan, „darf ich fragen, was Sie hier genau machen?“

Sie musterte ihn, dann zuckte sie mit den Schultern. „Straßensperre. Ich bin Claudia Mertens. Wir blockieren die Zufahrten. Wenn was mit Blaulicht kommt, machen wir auf. Sonst bleibt zu.“

Jan sah den Motor, sah den Funkspruch-Zettel am Armaturenbrett, sah die Thermoskanne auf dem Beifahrersitz.

„Und wenn wirklich jemand versucht, hier durchzubrechen?“, fragte er leiser.

Claudia sah an ihm vorbei in die Menge, wo Kinder kreischend um ein Karussell liefen. „Dann hoffe ich“, sagte sie, „dass die Container und wir genug sind. Und dass ich schnell genug reagiere.“

Sein Magen zog sich zusammen. In den nüchternen Zeilen der Neuen Westfälischen hatte sich das alles so technisch gelesen: Sicherheitsunternehmen „Sicherheit OWL“, 16 Lkw und Transporter, angemietet bei „Tim’s Leihwagen“. Angaben zu Fahrzeugspezifikationen, ein Sicherheitsschein nach §34a, ein Sprecher namens Thomas Berger, der betonte, dass die Leihautos von Anfang an Teil des Konzeptes gewesen seien. 40.000 Euro für Wassercontainer, 32.000 Euro für Leihwagen – Zahlen, Beträge, Positionen im Haushalt.

Hier auf dem Pflaster waren es keine Zahlen, sondern Gesichter.

Hinter einem der Fahrzeuge stand ein Mann, die Hände tief in den Taschen, die Mütze bis über die Ohren gezogen. Als Jan sich näherte, hörte er ihn zu einem Kollegen sagen: „…wenn was passiert, sind wir halt dran.“ Der Satz blieb im kalten Abend hängen wie der Rauch einer Zigarette.

„Sie arbeiten auch hier?“, fragte Jan.

„Ja“, sagte der Mann. „Emre Novak. Sicherheit OWL.“

„Haben Sie keine Angst?“

Emre lächelte schief. „Angst bringt mir hier keinen Meter. Ich weiß nur: Wenn ein Lkw kommt und Gas gibt, bin ich zwischen Stahl und Stahl. Das ist kein Hollywoodfilm. Das ist eine Excel-Tabelle: Risiko X, Einsatz Y. Ich bin das Y.“

Jan schluckte. Die Wasserkolosse, die Leihwagen, die Wachen in den Autos – sie alle ergaben ein Bild, in dem Weihnachten plötzlich etwas Wehrhaftes bekommen hatte. Die Lichter glitzerten weiter, die Musik spielte weiter „Last Christmas“, aber unter allem lag ein dumpfer Bass aus Furcht.

Später, als der Markt sich leerte und die Kälte in die Knochen kroch, machte Jan sich auf den Heimweg. In der Hand hielt er eine Tüte mit Honigkuchen, gekauft an einem kleinen, warm erleuchteten Stand am Rande des Marktes. Oben am Schild stand: „Honig & Herz – Heidi Sommer“.

Zwei Abende später ging er genau deswegen wieder hin. Nicht wegen der Sperren, nicht wegen der Container – wegen des Lächelns, das er hinter dem Tresen gesehen hatte, und wegen der Stimme, die bei einem spontanen Taizé-Singen vor der Kirche plötzlich mit eingestimmt hatte. Die Frau am Stand hatte nach dem Singen nur kurz gewunken, dann wieder Honigkuchen verkauft. „Heidi Sommer“, hatte auf ihrem Namensschild gestanden.

Jetzt stand sie wieder hinter der Theke, ein warmes Tuch um die Schultern, den Duft von Zimt und Honig um sich.

„Schon wieder Nachschub?“, fragte sie und grinste, als Jan vor ihr auftauchte.

„Diesmal eher Nachfragen“, sagte Jan. „Und vielleicht ein Honigkuchen dazu.“

Sie reichte ihm ein Stück, das noch warm war. „Na dann schieß los.“

Und so sprudelte es plötzlich aus ihm heraus: der Bummel durch die Oberstadt, die Wassercontainer, die kalten Hände von Claudia am Lenkrad, Emres halber Witz über das Berufsrisiko, der ältere Mann, der gesagt hatte, er fühle sich „gut abgesichert“ – und dabei gleichzeitig aussah, als würde ihm die Leichtigkeit der Kindheit für immer aus den Händen rinnen.

Heidi hörte zu, während sie Teig ausrollte und mit einer Ausstechform kleine Sterne formte. Ihre Hände arbeiteten automatisch, aber ihre Augen hingen an seinen Worten.

„Weißt du, was mich am meisten getroffen hat?“, fragte Jan am Ende. „Nicht die Container. Nicht die Leihwagen. Sondern der Moment, in dem ich gemerkt habe: Wir brauchen all das, damit wir uns trauen, einen Becher Glühwein zu trinken. Und selbst dann sitzt irgendwo jemand im Auto und scannt jede Bewegung, weil ein Fehler Leben kosten könnte.“

Heidi legte die Ausstechform beiseite, stützte sich mit beiden Händen auf der Theke ab und sah ihn ernst an.

„Ich stehe hier den ganzen Tag“, sagte sie leise, „verkäufe Honigkuchen, lächle Kinder an, frage niemanden nach Ausweis oder Rucksackkontrolle. Aber wenn ich abends die Plane runterlasse, gehe ich auch an diesen Containern vorbei. Und jedes Mal denke ich: Das ist wie eine Narbe. Man gewöhnt sich dran, aber sie erzählt trotzdem eine Geschichte.“

„Findest du die Sperren richtig?“, fragte Jan. „Oder rauben sie uns genau das, was wir schützen wollen – die Unbeschwertheit?“

Heidi atmete tief durch. „Ich glaube“, sagte sie, „die Sperren sind wie eine dicke Kruste auf einem Honigkuchen. Sie schützt, dass nichts kaputtgeht. Aber wenn du nur noch an der Kruste rumkaust, vergisst du, dass innen etwas Weiches ist. Die Leute sollen sich sicher fühlen – ja. Aber sie sollen nicht vergessen, warum sie überhaupt hier sind: um zu lachen, zu singen, zu staunen.“

Sie deutete mit dem Kinn Richtung Marktmitte. „Schau mal. Da vorne rennt ein Kind mit einem leuchtenden Stern herum. Dem ist egal, ob da ein Container steht. Für den ist das hier einfach nur: Weihnachten. Vielleicht ist das unser Job – meiner mit den Honigkuchen, deiner mit deinem wachen Blick – dafür zu sorgen, dass dieses Gefühl nicht komplett zugedeckt wird.“

Jan schwieg einen Moment. Aus einem Lautsprecher schob sich gerade „Last Christmas“ in den Abend. Ein Lied, das er eigentlich nicht mehr hören konnte – zu oft, zu laut, zu überall. Heute klang es seltsam passend: eine Melodie von verpassten Chancen, gebrochenen Herzen, und trotzdem wieder einem neuen Versuch im nächsten Jahr.

„Weißt du was“, sagte Heidi plötzlich, „Taizé ist schön, aber manchmal brauchen Menschen auch etwas, das sie kennen. Singst du mit?“

„Was denn?“, fragte Jan, obwohl er es schon ahnte.

Heidi lachte, ein leises, warmes Lachen, das zwischen Zimtduft und Lichterglanz hängen blieb. „Na was wohl? Last Christmas. Aber diesmal nicht ironisch. Einfach so – als kleines Trotz-Lied gegen all die Angst.“

Sie drehte den Lautsprecher am Stand ein wenig lauter, trat nach vorne, und bevor Jan ganz wusste, wie ihm geschah, summte er mit. Erst zaghaft, dann fester. Zwei Stimmen zwischen Honigkuchen und Wassercontainern, zwischen Straßensperren und Kinderkarussell.

„Last Christmas, I gave you my heart…“

Ein paar Leute blieben stehen, einige grinsten, einer schüttelte den Kopf, andere sangen halblaut mit. Für einen Moment mischte sich alles: die Erinnerung an Bedrohung, der Ernst der Fahrer in den Leihwagen, die nüchternen Zahlen im Rathaus – und darüber ein Lied, das in seiner Einfachheit genau das tat, was Bielefeld in diesem Winter so dringend brauchte:

Es ließ die Menschen für ein paar Minuten vergessen, wie viel Angst in diesem Fest inzwischen mitfeierte. Und erinnerte sie daran, dass man der Dunkelheit manchmal am besten mit einem schief gesungenen Weihnachtslied und einem warmen Stück Honigkuchen begegnet.

Casting

Jan Grabowski stand hinter dem schwarzen Vorhang der kleinen Aula, als könnte der Stoff ihn vor allem schützen, was gleich passieren würde. Die Bühne roch nach Staub, kaltem Licht und altem Holz – und nach dieser seltsamen Mischung aus Nervosität und Haarspray, die bei Castings immer in der Luft hing. Vorne probte der Tenor gerade seine hohe Stelle, die Begleitstimme des Klaviers klang durch die Lautsprecher, und jedes Mal, wenn die Gruppe ihren Einsatz verpasste, zuckte Jans rechter Fuß, als müsse er weglaufen.

Er war der dritte Bass in der A‑cappella‑Gruppe, der tiefe Teppich unter den Melodien der anderen. Normalerweise konnte er sich hinter den Stimmen der Kollegen verstecken, ein sicherer Grundton, den niemand sah, aber alle brauchten. Heute war alles anders: Das Casting sollte entscheiden, wer bei den nächsten Konzerten in Bielefeld auftrat – und wer nur noch als Name in einer WhatsApp‑Gruppe existierte. In den Mails stand es nüchtern, fast harmlos formuliert, doch Jan hörte darin ein Echo: „Wir müssen professioneller werden.“

Sein Handy vibrierte. Eine Nachricht von L. Credi, der Lehrerin, die er von der Grundschule Hasenfrisch kannte. Sie hatte in einer kleinen, experimentellen Telegram‑Gruppe heimlich ihre eigenen Songs geteilt, und dort hatten sie sich kennengelernt – sie nannte ihn damals „den Bass, der so tief singen konnte, dass sogar die Pausenklingel kurz leiser wurde“. Er hatte gelacht – damals. Jetzt las er ihre Nachricht immer wieder: „Jan, du bist nicht nur Stimme Nr. 3. Du bist der Boden, auf dem die anderen landen, wenn sie oben danebentreten. Atmen. Dann singen.“

„Nächster! Jan Grabowski!“ Die Tür zur Bühne sprang auf, das Licht dahinter blendete ihn. Drei Gesichter in der ersten Reihe, dahinter eine Handvoll anderer Sänger. In der Mitte saß Ciano Galetto, der Theaterleiter, der angeblich immer auf der Suche nach „echten Stimmen“ war.

Jan setzte an, sang „Evening Lights in Bielefeld“, tiefer und mutiger, als er es jemals in der Probe gewagt hatte. Die Stille nach dem letzten Ton war schwer, dann kam verhaltener Applaus. Der Chorleiter trat vor, das Klemmbrett in der Hand wie ein Urteilsspruch.

„Jan“, begann er, und das Wort klang schon wie eine Absage, „deine Tiefe ist stark, aber du passt nicht mehr in das Konzept, das wir verfolgen. Wir brauchen flexibel einsetzbare Stimmen, Solopotenzial, mehr Show. Du kannst gern weiter zuhören – aber als Sänger bist du raus.“

„Raus… wie meinst du das?“ Jans Stimme rutschte eine Nuance nach oben.

„Hochkant“, sagte der Chorleiter kühl. „Ab sofort bist du nicht mehr Teil der Gruppe.“

Der Satz traf härter als jeder schiefe Ton. Die WhatsApp‑Gruppe blieb, Jan nicht. In seinem Kopf flackerte L. Credis Nachricht auf, aber sie war jetzt eher Trostpflaster als Rettungsring. Er nickte stumm, nahm seine Mappe, verließ die Aula. Ciano Galetto sah ihm nach, den Kopf leicht schiefgelegt, sagte jedoch nichts. Noch nicht.


Drei Wochen später roch es nicht mehr nach Staub und Haarspray, sondern nach gebrannten Mandeln, Glühwein und nassen Wollschals. Der Weihnachtsmarkt in Bielefeld vibrierte vor Stimmen, Kinderlachen und dem ewigen Scheppern des Karussells. Jan stand mit seiner alten, leicht verkratzten Verstärkerbox am Rand des Platzes, dort, wo der Wind durch die Gassen pfiff und die Menschen trotzdem stehenblieben, wenn eine Stimme sie traf.

Er hatte lange überlegt, ob er sich wirklich auf die Straße stellen sollte. Ein ehemaliger dritter Bass, hochkant rausgeschmissen, jetzt vor Buden und Lichterketten? Aber irgendetwas in ihm hatte sich geweigert, leise zu werden, nur weil ein Chorleiter „Konzept“ gesagt hatte. Also programmierte er eine Loopstation, nahm ein paar tiefe Bass‑Teppiche auf und legte darüber seine Stimme – Solo, zum ersten Mal wirklich allein.

Er sang wieder „Evening Lights in Bielefeld“, diesmal nicht als Bewerbung, sondern als eigenes Lied. Die Lichter der Stadt spiegelten sich in den Pfützen, Menschen blieben stehen, drehten sich um, schoben ihre Handys in die Luft. Eine Frau filmte von Anfang bis Ende. Ein Kind setzte sich auf den Boden, nur um besser zuhören zu können. Jan spürte, wie seine Stimme zwischen den Buden hochstieg, sich an den Lichterketten brach und zurückkam, wärmer, sicherer.

Am Rand des Platzes stand ein Mann im dunklen Mantel, Schal locker, Hände in den Taschen. Ciano Galetto. Er hatte den Bass wiedererkannt, obwohl der Raum nun Himmel war und nicht Aula. Neben ihm stand jemand vom Stadtmarketing, der längst mit dem Stadtschreiberling‑Projekt vernetzt war.

„Der da“, sagte Ciano ruhig, „der wurde hochkant rausgeschmissen? Besorgen Sie mir seinen Namen. So eine Stimme verschenkt man nicht. Die stellt man mitten auf eine Bühne.“

Am Abend ging ein Video von Jans Straßenmusik viral: „Bass auf dem Bielefelder Weihnachtsmarkt – Gänsehaut pur“. Ein lokaler Radiosender teilte es, dann ein Kulturblog, dann die Seite stadtschreiberling.de mit der Überschrift: „Wie man einen dritten Bass unterschätzt – und er dann die Stadt einsingt.“

Es dauerte keine zwei Monate, bis Jan mit Ciano Galetto im Foyer des Theaters Bielefeld stand und einen Vertrag unterschrieb. Erst für ein experimentelles Musiktheaterstück, dann für eine kleine Tourproduktion. Das Weihnachtsmarkt‑Video brachte ihm nicht nur Auftritte, sondern auch Streaming‑Einnahmen, Sponsoring und eine Kooperation mit einer großen Plattform. Die Geschichte vom „hochkant rausgeschmissenen Bass, der auf dem Weihnachtsmarkt anfing“ wurde zur Legende – und zur Marke.

Drei Jahre später stand Jan vor einem Publikum, das nicht mehr zwischen Aula und Marktplatz unterscheiden musste, weil sein Name nun auf Plakaten stand. Er war längst kein dritter Bass mehr, sondern Kopf eines eigenen Vocal‑Projekts, hatte Anteile an den Produktionen, Lizenzen an seinen Songs und mehr Geld auf dem Konto, als er sich je hatte vorstellen können. Die Leute sagten „Millionär“ über ihn, halb bewundernd, halb ungläubig, wenn wieder ein Artikel erschien: „Vom Rauswurf zum Weihnachtsmarkt – und von dort auf die großen Bühnen.“

Abends, wenn er durch den Weihnachtsmarkt ging – jetzt eher inkognito, mit Mütze tief im Gesicht –, blieb er manchmal bei genau der Ecke stehen, an der er das erste Mal gesungen hatte. Dann summte er leise, fast nur für sich, den Anfang von „Evening Lights in Bielefeld“ und dachte daran, dass sein Leben genau dort begonnen hatte, wo ihn einer hochkant rausgeworfen hatte. Und dass es vielleicht keinen dramatischeren Anfang für eine Erfolgsgeschichte gibt, als einen kalten Abend, eine wackelige Box und den Mut, trotzdem den ersten Ton zu singen.

Schulpost

Hasso stand mit seinem gelben Dienstfahrrad vor der Grundschule Hasenfrisch, als hätte man ihn dort festgenagelt, und strich den nassen Schnee von den Schulterklappen, der sich anfühlte wie kalte Asche auf seiner Jacke. In der Lenkertasche steckte der Umschlag vom Schulamt, schwer wie ein Urteil, der Stempel scharfkantig in Blau: „Letzte Schulpost – nur in Papierform“.

Im Lehrerzimmer roch es nach abgestandenem Lehrerkaffee und nach Papier, das schon zu viele Durchläufe durch den Kopierer hinter sich hatte. Hasso stieß die Tür mit dem Ellenbogen auf, ein Windstoß Schnee im Rücken, und für einen Moment schien der Raum den Atem anzuhalten. Hinter einem schiefen Turm aus Matheheften tauchte L. Credi auf – die Lehrerin, die Füller verteidigte wie andere ihre Doktorarbeit, deren Bielefeld‑Geschichten aus der DAF‑DAZ‑Gruppe auf der Schulhomepage hingen, während der Server sich gerade mit Zertifikatsfehlern selbst sabotierte.

„Frau L. Credi, Sonderzustellung vom Schulamt“, sagte Hasso leiser, als er wollte, und legte den Umschlag vor sie hin, als lege er ein letztes Exponat in eine Vitrine, die danach verriegelt würde. „Vielleicht der letzte Brief dieser Art, bevor auch die Schulpost nur noch als Dateianhang existiert.“ Das Papier schabte hörbar über die Tischplatte; selbst der Getränkeautomat im Flur verstummte in diesem Augenblick in seinem Brummen.

Gemeinsam öffneten sie den Umschlag. Das Papier darin war schwer, fast trotzig gegen jede Cloud, und trug den glatten Text der Behörde: vollständige Umstellung auf ein digitales Portal, Papierpost nur noch als Erinnerung im Archiv. „Ab nächstem Schuljahr keine Papierpost mehr, alle Mitteilungen ausschließlich online“, las L. Credi und strich mit den Fingerspitzen langsam über den Stempel, als könnte sie ihn in die Haut einbrennen für Zeiten, in denen es keine Tinte mehr geben würde.

„Merkwürdig“, murmelte sie, und ihre Stimme klang brüchiger als eben noch, „die Kinder üben mühsam ihre Schreibschrift, und das Schulamt schickt uns in eine Welt ohne Umschläge.“ Hasso nickte, aber in ihm zog es sich zusammen: In seinem Kopf flackerte schon das Bild eines neuen Vitrinenfachs auf – „Schulbriefe – wenn Eltern noch Zettel aus den Ranzen fischten“ –, und zum ersten Mal fragte er sich, ob seine Ausstellung nicht in Wahrheit ein Museum für Sterbendes war.

„Wissen Sie was, Herr Hasso“, sagte L. Credi plötzlich, und in ihrem Blick lag etwas zwischen Trotz und Müdigkeit, „wir machen ein gemeinsames Projekt. Sie mit Ihrer Briefausstellung, ich mit meinen Krikelkrakel‑Texten aus der 1. Klasse und meinen Musiktexten.“ Sie hielt kurz inne, als überlege sie, ob sie den nächsten Satz wirklich laut sagen dürfe. „Ich schreibe nämlich heimlich Songs. Über genau solche Momente.“

Die Idee stand sofort im Raum, greifbar wie Kreidestaub: Jedes Kind sollte einen echten Brief an jemanden schreiben, der ihm wirklich fehlte oder wichtig war – an Oma in Senne, den Cousin in Ecuador, den unsichtbaren Vater, der nur noch als Name in der Akte stand, oder den Nachbarn im dritten Stock, der nie aus dem Fenster schaute. Hasso würde diese Briefe in seiner Zustelltour einsammeln, in seiner gelben Tasche wie kleine, flackernde Notlichter verstauen und zustellen, bevor das Schulamt die digitale Schranke endgültig herunterließ.

„Ein letztes Schulpost‑Experiment in analog“, nannte sie es und schrieb den Satz mit hart aufgedrücktem Kugelschreiber in ihr Notizheft, so dass sich die Rille sicher noch auf der nächsten Seite abzeichnete. Sie nahm sich vor, später einen Text darüber in den Lehrer‑Chat zu stellen – falls der Server sich bis dahin beruhigte und die Zertifikatswarnungen nicht wieder alles blockierten.

Hasso spürte dieselbe Wärme wie damals bei Björns Brief, aber heute mischte sich etwas wie Dringlichkeit darunter, fast Panik. Vielleicht, dachte er, waren diese Umwege über Papier nicht nur romantische Restbestände, sondern die letzten Brücken, bevor jeder nur noch auf Bildschirme starrte und Nachrichten wie Rauch verflogen. Und während draußen der Schnee dichter wurde und die Pausenglocke schrillte, hielt er die Hand kurz auf den Umschlag mit dem Stempel „Letzte Schulpost“ – als müsste er sich vergewissern, dass man Geschichte nicht nur liest, sondern in diesem Moment gerade mitschreibt.

POST

Björn Hardmudson – Der letzte Briefträger von Danmark

Es war einer jener Sommertage in Bielefeld, an denen die Sonne die Asphaltstraßen flimmern ließ und selbst die Fahrräder der Postboten träge wirkten. Auf dem Rasen vor dem alten Postamt standen sie dicht gedrängt – Männer und Frauen in Uniformen, ein Meer aus Gelb, Blau und Rot. Zwischen dampfenden Kaffeebechern und Geschichten aus alten Zeiten fand Björn Hardmudson, der Gast aus Danmark, seinen alten Freund Hasso von der Deutschen Post. Es war das internationale Postbotentreffen mit Postboten und Postbotinnen. Es fand wie jedes Jahr in der Alten Post in der City statt. Gesponsert von DHL als weltweiter Logistikpartner.

„Na, Björn!“, rief Hasso fröhlich, „über den Belt herübergeradelt?“
„Fast“, lachte Björn. „Aber ehrlich gesagt komme ich diesmal mit schwerem Gepäck.“
„Ach was, Rentenantrag?“
Björn schüttelte den Kopf. „Schlimmer. PostNord stellt die Briefzustellung ein. Ende 2025 ist Schluss.“

Hasso sah ihn an, als hätte er sich verhört. „Ganz aufhören? Keine Briefe mehr?“
„Keiner mehr,“ sagte Björn leise. „Nur noch Pakete. Die Geschichten der Menschen passen dann wohl in Kartons.“
Einen Moment lang schwieg Hasso. Dann klopfte er seinem Freund auf die Schulter. „Wenn’s so weit ist, dann schick mir den letzten. Ich werde darauf achten, dass er ankommt.“
Björn nickte. Und für einen kurzen Augenblick strahlte zwischen beiden das gemeinsame Verständnis jener, die einmal Träger der Worte waren.

Der Winter kam schnell. Der Morgenwind an der Küste war kalt und salzig, als Björn an einem Dezembermorgen den Sack über seine Schulter warf. Über København hing ein bleigrauer Himmel. „Ende 2025 wird der letzte Brief in Danmark zugestellt“, hatte man im Radio gehört. Und Björn wusste: Der letzte Brief würde durch seine Hände gehen.

Seit mehr als drei Jahrzehnten hatte er Liebesbotschaften, Mahnungen und letzte Worte ausgetragen – handgeschrieben, duftend, echt. Jetzt aber war alles anders. PostNord wollte sich modernisieren: Ab 2026 sollten nur noch Pakete ihr Kerngeschäft sein.

An diesem Abend hielt Björn an einem der letzten roten Briefkästen. „Bis zum 31. Dezember 2025 werden alle entfernt“, hatte man mitgeteilt. Er legte die Hand auf das spröde Metall. Dann zog er einen Umschlag hervor – ungeöffnet, unregistriert, nur mit drei Worten:
„Tak for tiden.“

Er warf ihn ein. Das leise Klacken des Einwurfs hallte in der frostigen Luft. Das Geräusch seiner Berufung – zum letzten Mal.

Ein Brief für Hasso

Zwei Wochen später, in Babenhausen Süd, einem ruhigen, grünen Stadtteil von Bielefeld, stapfte Hasso durch den Schnee vor seiner Haustür. Zwischen Werbeprospekten und Rechnungen lag ein unscheinbarer Brief ohne Absender, der nach Meer und kaltem Wind roch. Er öffnete ihn vorsichtig, und ein einzelner Satz stand darin, in vertrauter, kantiger Schrift:
„Tak for tiden.“

Hasso hielt inne. Die Worte sagten alles. Er setzte sich an den Küchentisch, sah auf den Brief – und plötzlich erschienen die Jahre in Gelb und Blau vor seinem inneren Auge: die frühen Morgen, die klammen Handschuhe, das kurze Lächeln an der Haustür.

Noch am selben Abend nahm er ein leeres Blatt Papier und notierte eine Idee, die ihm nicht mehr aus dem Kopf ging: eine kleine Ausstellung in Bielefeld über Briefe, alte Postkutschen, verschwundene Briefkästen und die Geschichten dahinter. Eine Hommage an das, was Menschen einander einst schrieben – und an Kollegen wie Björn, deren Arbeit nun aus der Zeit fällt.

Er heftete Björns Brief an eine Pinnwand über dem Schreibtisch. Darunter schrieb er: Ausstellungseröffnung: Wenn niemand mehr schreibt – und wir uns trotzdem erinnern.“


Dann legte er den Stift weg, sah ein letztes Mal auf die drei einfachen Worte – und beschloss, dass dieser Brief nie in einem Karton verschwinden würde.

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