Verschwörung

Er ist nicht vertraut mit dieser Sache: Shao Li Ping, ein Mann von Tat  und für Wärmepumpen, hatte die Generalvertretung für eben diese erhalten. Doch abseits der Technikwelt wurde er zu einer Party eingeladen, eine Nacht der Unwissenheit und unheilvoller Enthüllungen. Die Party war in Kiel, wo Shao mit seiner Familie für ein Wochenende eingeladen wurde. Shao hat den Kurztrip mit einem geschäftlichen Termin vereinbart. Kneipe, Karaoke und Geschäft. Das ist für China normal.

Shao tanzte, ließ das Bier durch seine Kehle fließen und unterhielt sich in geselliger Runde, ahnungslos, dass er am Rande einer Verschwörung stand. Eine Verschwörung, die eine ganze Stadt in den Schatten stellen würde – die Bielefeld-Verschwörung. Bielefeld? Das gibt’s doch gar nicht?

Wie kam es dazu? Shao, ein Gast aus Bielefeld, trat in die Szenerie ein und entfachte unwissentlich den Funken des Rätsels. „Bielefeld?“ flüsterten die Gäste, denn keiner von ihnen hatte je diese Stadt betreten oder gar gesehen. Und so begann die unscheinbare Saga, als ein Spaßvogel die Worte „Bielefeld? Das gibt’s doch gar nicht“ in die Welt entließ.

Doch inmitten dieser Alltäglichkeit erhob sich ein Held dieser Geschichte, ein Meister der Täuschung – Armin Heise ein junger Informatikstudent.

Armin Heise war alt geworden. Er begrüßte Shao mit einem kühlen Pilsbier und erzählte die Geschichte aus den 90er Jahren.

Aus einer unschuldigen Bemerkung heraus formte Armin eine Theorie, die die Welt ins Wanken bringen sollte. Armin, ein Mann von listigem Witz, nahm den banalen Satz „Bielefeld? Das gibt’s doch gar nicht“ und knüpfte daran ein Netz aus Verschwörungstheorien. Wochen später, auf der A2 unterwegs, passierte er die Ausfahrt Bielefeld. Ein Zufall? Oder das Werk des Schicksals? Die Abfahrt war gesperrt, der Name durchgestrichen. „Witzig“, dachte sich Achim und sagte zu sich selbst „Bielefeld scheint es wirklich nicht zu geben“.

Die mysteriöse Verschwörung im Usenet nahm ihren Anfang. Armin Heise wollte diesen Geistesblitz der Welt nicht vorenthalten. Und so entschloss er sich  dazu, die SciFi-mäßige Story um Bielefelds mysteriöse Nichtexistenz im Internet, damals noch Usenet genannt, zu veröffentlichen – die Bielefeld-Verschwörung war geboren. Von dort aus breitete sich die Verschwörungstheorie wie ein Lauffeuer aus, ein düsteres Gesprächsthema in den Schatten, durchtränkt von einem Hauch Hollywood. Eine Version der Verschwörungstheorie behauptete gar, dass die Stadt Bielefeld der Zugang zu Atlantis sei. Andere sprachen von kleinen grünen Männchen, die ihr Raumschiff als Universität Bielefeld tarnten, um ihre Existenz vor der Menschheit zu verschleiern. Schon klar.

25 Jahre Bielefeld-Verschwörung. Nachdem sich dieses mysteriöse Internetphänomen irgendwie durchgesetzt hatte, nahm die Verbreitung der Verschwörungstheorie zur Stadt Fahrt auf. Heute, in der düsteren Welt des Internets, wimmelt es von Einträgen zum Kuriosum Bielefeld-Verschwörung. Man möchte fast meinen, dass es aufgrund der medialen Verbreitung heute kaum jemanden in Deutschland gibt, der mit dem Begriff Bielefeld-Verschwörung oder dem Satz „Bielefeld? Das gibt’s doch gar nicht“ nichts anzufangen weiß. Selbst die Bundeskanzlerin bemerkte 2012 nach einem Besuch in Bielefeld, dass sie den Eindruck hatte, tatsächlich dort gewesen zu sein. Seit 1994 verbreitet sich dieser Spruch also dramatisch durchs Land und die Köpfe zahlreicher Menschen und feiert in diesem Jahr seinen 25. Geburtstag. Glückwunsch, Armin. Wir freuen uns, dass du es mit deiner Geschichte so weit gebracht hast. Wer hätte das auch nur im Ansatz ahnen können

Shao fuhr mit seiner Familie zurück nach Ostwestfalen.

Seine Familie wirkte unglücklich

Das Stadtmarketing setzte ein Preisgeld in Höhe von einer Million Euro aus für diejenigen, die die Theorie und Behauptung widerlegen könnten, dass Bielefeld in Wirklichkeit nicht existiere. Letztlich schaffte es jedoch niemand, diesen Beweis zu erbringen. Die Stadt erklärte daraufhin den Wettbewerb für beendet und setzte der Verschwörung ein Ende.

Um dieses ungewöhnliche Kapitel zu würdigen, ließ die Stadt einen Gedenkstein im Grünzug am Leineweberdenkmal errichten. Über Wochen hinweg war er hinter einem großen Toilettenwagen verborgen. Doch nun wurde dieser Wagen weggefahren, und der Gedenkstein ist wieder sichtbar – ein stilles Zeugnis für die Beharrlichkeit der Stadt, mit ihrem ganz eigenen Mythos umzugehen.

Diese Informationen waren für Shao wichtig. Wenn nun Kunden zu ihm kamen, dann konnte er mit einer kleinen Anekdote die Barriere für ein erfolgreiches Kundengespräch leicht überspringen.

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