Rauchen

Tiefer Frust lastete in der Luft. Der Regen goss sich seit Tagen in einem endlosen Strom über die Stadt aus. Karin Winterscheid sehnte sich verzweifelt nach dem Sommer, doch dieses Jahr schien er von grauen Wolken verbannt zu sein. Sie saß gefangen in der öden Betonwüste von Ostwestfalen, hoch oben im düsteren Oberzentrum. Ihre Augen ruhten auf einer Gruppe Jugendlicher, deren Gestalten in dem tristen Umfeld zu verblassen schienen. Doch was sie sah, raubte ihr den letzten Nerv: Sie rauchten weiterhin, und ihre Zigarettenstummel wurden achtlos auf den nassen Boden geworfen. Ein regelrechter Fluch schien über dieser Szene zu liegen.

In Bielefeld hätte das Wegwerfen solcher Kippen bereits Konsequenzen nach sich gezogen – ein kleiner Preis, den die Ordnungspolizei von den Übeltätern fordern würde. Aber das Ordnungsamt hatte Wochenende. In Singapur würden für solch sorgloses Verhalten gar Gefängnisstrafen verhängt. Karin stellte sich vor, ihre Freundin, die Kommissarin Petra Schweger, anzurufen. Aber konnte man überhaupt das rücksichtslose Verschütten von Kippen verhindern?

Die Auswirkungen einer einzigen Zigarette drängten sich in ihre Gedanken: Eine Studie enthüllte, dass sie tausend Liter Wasser verunreinigen konnte. Und dennoch, in der unberührten Natur, landeten Jahr für Jahr Billionen dieser Kippen. Die verheerenden Konsequenzen waren nicht nur für die Umwelt spürbar, sondern auch für die zerbrechliche Nahrungskette der Menschheit. Die Fakten zersplitterten wie ein düsteres Gemälde vor ihren Augen: Forscher hatten vor einigen Jahren im Herzen Berlins im Durchschnitt drei Zigarettenstummel pro Quadratmeter gefunden. Ein düsteres Maximum von 49 Stummeln hatte sie regelrecht schockiert. Überall auf der Welt wurden jährlich unvorstellbare 4,5 Billionen Zigaretten in die unwiderrufliche Umwelt geworfen. Ein Schwall aus Wind und Regen spülte sie gnadenlos in Flüsse und Ozeane, die letzten Rückzugsorte unserer fragilen Welt.

Karin konnte den Blick nicht abwenden von diesem herzzerreißenden Bild. Eine einzige Zigarette – wie konnte das sein? Die verfluchte Kippe vermochte laut einer verhängnisvollen Studie ganze tausend Liter Wasser in schmutziges, unheilvolles Grau zu verwandeln. Und als wäre das nicht genug, freisinnig von den Lippen eines Rauchers entlassen, konnte sie bis zu 7000 Chemikalien und toxische Substanzen freisetzen. Ein düsterer Tanz der Verderbnis, von dem niemand zu entkommen schien.

Die Tragödie erstreckte sich bis in die tiefsten Gewässer. Fische, Larven, winzige Mikroorganismen – sie alle litten unter den Folgen dieser scheinbar harmlosen Kippen. Ein Bild des Todes formte sich vor Karins Augen. Sogar bei Wattwürmern, den unscheinbaren Bewohnern des Meeresbodens, hatte man Mutationen im Erbgut nachgewiesen. Wenn harmlose Speisefische diese zerstörerischen Partikel verschlangen, konnten sie eine unheilvolle Reise durch die Nahrungskette antreten, die schlussendlich beim Menschen landete. Ostwestfalen mochte keine Fischerei bieten, doch die Bedrohung der menschlichen Nahrungskette lauerte auch hier, getragen von einem verheerenden Regen aus Gift.

Forscher hoben den bedrohlichen Finger: Es waren vor allem die vermaledeiten Filter der Zigaretten, die zur Katastrophe beitrugen. Diese unscheinbaren Teile schleusten, unbemerkt von den meisten, Mikroplastik in die belebte Natur. Doch es gab einen Hoffnungsschimmer – biologisch abbaubare Filter könnten die Rettung sein.

Auch die Touristenorte stöhnten unter der Last des Zigarettenmülls. Klagen drangen aus allen Ecken – von Besuchern, von Einheimischen. Die Bielefelder Umweltbehörde beschrieb die Szene des Grauens: Zigarettenstummel wurden achtlos auf Parkbänken entsorgt, Pflanzenkübel dienten als Aschenbecher, und das traurige Resultat waren geschädigte Pflanzen und ein erhöhter Pflegeaufwand. In Köln kämpfte man mit einer regelrechten Schlacht, um Kippen von Kopfsteinpflaster aufzulesen. Die schmalen Spalten des Pflasters verschlangen den Müll gierig.

Dramatisch ergriffen von der Dringlichkeit des Anliegens, setzen Menschen nun an zahlreichen Orten auf verzweifelte „Clean-up-Aktionen“. Hierbei eilen sie mit erhobenen Herzen und bereitwilligen Händen hervor, um Kippen und Unrat ehrenamtlich einzusammeln, als kämpften sie gegen eine unaufhaltsame Flut. In den düsteren Abgründen der sozialen Medien lauert eine Bewegung namens „Litterpicking“, ein Ruf nach Rettung, der von den Herzen und Taten all jener erfüllt wird, die sich dem Kampf angeschlossen haben. Die düstere Szenerie zeigt sowohl Privatpersonen als auch Gruppen von Unbeugsamen: Vereine, Parteien, Künstler und die rebellische Jugend, sie alle strecken die Hände aus, um der bedrängten Welt Hoffnung einzuflößen. Doch das ehrfurchtgebietende Sammeln, wie gewaltige Wellen an einem schier endlosen Strand, kann nur einen Bruchteil der Verwüstung mildern, da die Geister der Schadstoffe bereits unerbittlich aus der Dunkelheit hervorgetreten sind. Und während der Ruf nach Hilfe von Karins Nachbarn im Generationenhaus oder von Lehrerin L. Credi in der Grundschule möglicherweise einen rettenden Hauch in der Ferne verhieß, fanden ihre Worte durch die schmerzhafte Erkenntnis, dass die sonnenverwöhnten Ferien längst verweht waren, keine Erlösung.

Doch unter all den Wolken der Verzweiflung hallt ein verzweifelter Appell der Wissenschaftler wider, der wie ein düsteres Echo in den Ohren klingt: Viele Raucher verharren in einer unwissenden Dunkelheit, die von den Plastikfiltern ihrer Zigaretten gespeist wird, die unaufhörlich die unschuldige Umwelt erdrücken. Eine alarmierende Umfrage des Verbraucherzentrums enthüllt, dass jeder fünfte von diesen irrtümlich glaubt, Zigarettenstummel hätten keine Macht, da sie sich von Natur aus im Wasser und in der Welt auflösen würden. Ein finsteres Missverständnis, das die stille Verwüstung verschleiert.

Entschlossen stehen die Städte auf, um gegen diese Finsternis anzukämpfen. Gemeinschaften vereinen ihre Kräfte, um dem Teufelskreis der Verschmutzung Einhalt zu gebieten. Während die Wolken über Sylt sich drohend zusammenziehen, werden jährlich 10.000 Aschenbecher an die Strände verteilt, wie funkelnde Sterne in einer wolkenverhangenen Nacht. In Köln erstrahlt ein Licht der Hoffnung, als der Hauptbahnhof von einer Flut zusätzlicher Aschenbecher erfasst wird – eine glorreiche Schlacht gegen die Dunkelheit der Verwüstung. Die Worte auf den Hinweisschildern wirken wie Balsam für die geschundene Erde: „Wirfst du deinen Müll in die Umwelt?“ und „Wirf ihn hier rein“. Sie hallen wie ein schützender Zauber wider, der das Böse in die Dunkelheit zurückschickt.

Und dann, wie funkelnde Diamanten im Abendrot, verteilen einige Städte kostenlos Taschenaschenbecher – ein Schimmer der Rettung in der Finsternis. Doch auch der Humor zeigt sich als letzter Strohhalm im Kampf gegen die Dunkelheit, wenn Aschenbecher zu Umfrageboxen werden, deren Schlitz eine Frage aufwirft, deren Antwort nur durch die stillen Kippen gegeben werden kann. „Ostseeascher“ an den Stränden des Meeres oder die provokante Frage, wer stinkt mehr, der Mensch oder das unschuldige Wiesel im Bayerischen Nationalpark, sie alle erinnern an die bittersüße Ironie der Situation.

Und während die Tage ins Land ziehen, lastet das Gewicht aller seit 2019 gesammelten Kippen wie eine düstere Wolke auf der Nationalparkverwaltung – eine Tonne von Erinnerungen an die unermüdlichen Kämpfer im Krieg gegen die Zerstörung.

Der Regen in der Oberstadt stürzt sich weiterhin unaufhörlich auf die Erde, während Karins Kaffee kalt und bitter in ihrer Tasse verharrt. Die Gedanken an die Millionen von Kippen, die wie ein Schatten über ihrer Stadt hängen, lassen sie nicht los. Bald schon wird die Arminia wieder auf dem Spielfeld stehen, und ein Funken Hoffnung durchflutet ihre Seele. Ein Anfang ist gemacht. Mit geschickten Händen und einem Funken Entschlossenheit bastelt Karin aus alten Konservendosen Mülleimer für die Kippen und stellt sich entschlossen vor den Eingang der Südtribüne. Ein Applaus der rauchenden Fans erfüllt die Luft, als Anerkennung für ihre mutige Tat. Karin hat in dieser Dunkelheit ein kleines Licht entzündet, ein strahlendes Zeichen der Hoffnung, das den Weg in eine bessere Welt weist.

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