
Es nahte der Tag der Eröffnung Henriettes.Tante Emma Laden sollte starten. Es gab noch viel zu tun. Peter Hafenfroh, Henriettes neuer Partner kannte sich als Chefeinkäufer im Food-Bereich aus und orderte in großen Mengen Bonbons, Raider, Treets, Bazooka Kaugummi, Leckmuscheln, KnulliBullis, Mampfi Esspapier, Caramac und Negerküsse. So hießen sie damals. Und natürlich Werther`s Echte. Aber es gab einige Probleme.
Nur im deutschsprachigen Raum hießen die Bonbons Werther’s Echte. Daher wurde von der Firma Storch beschlossen, dass Werther’s überall auf der Welt gleich heißen soll. Aus diesem Grund wurde die Namensänderung 1998 in Deutschland umgesetzt. Und da war noch der Begriff Negerkuss. Die Negerküsse der Firma Hansematz waren in Schachteln verpackt, auf denen zwei sich küssende dunkelhäutige Afrikaner abgebildet waren. (siehe Wikipedia)
Das passte nicht mehr in die Zeit heute. Nun entschied er sich auf Schaumküsse zu setzen, die glücklicherweise von derselben Firma hergestellt wurden, wie die sahnigen Bonbons.
Es musste aber noch ein weiteres Problem gelöst werden. Wie wurde Henriettes Süßwarenladen bekannt? Instagram-Likes zu kaufen war billig, brachte aber nichts, weil die meisten Accounts gefakt waren. Sie erinnerte sich, dass in Holland 15jähre Teenager gut sieben Euro verdienten. Also fuhr sie ins nahegelegene Enschede, warb zehn Jugendliche an, gab ihnen auch ein Neun-Euro-Ticket und setzte sie in Ostwestfalen als Prospektverteiler oder für das Internetmarketing ein. Am Eröffnungstag gab es für jeden Kunden einen Lolly – Extra und Peter hatte mehrere Flaschen Kellergeister besorgt. Swantje De Bollerjan war holländische Schülerin und im Medienteam von Henriette. Swantje informierte auch die lokalen Fernseh- und Rundfunkanstalten. Am Samstag, 9 Uhr sollte es los gehen. Als Henriette nach einer aufregenden Nacht mit Peter morgens die letzten Bonbongläser putzen wollte; ob einer kurzen Nacht im hinteren Warenlager, ging sie in die Geschäftsräume, die dank modernster Duftaromamaschinen ein Odeur von Vergangenheit legten. Da bekam sie einen Schreck. Der Marktplatz war voll mit Menschen, die alle zu ihr wollten. Die nahegelegene Bundesstraße war gesperrt, weil dort massenhaft Leihroller der Marke Animal rumlagen. Damit kamen die Bielefelder in das nette Städtchen Werther am Teutoburger Wald, um einzukaufen. Werthers Bürgermeister stand zusammen mit der Gattin direkt vor der Ladentür. Der Schützenverein und die Vorsitzenden der erdbeeranbauenden Zunft standen parat und der Posaunenchor der St.Michael-Kirche tutete „Großer Gott, wir loben dich“. Im hinteren Bereich des Marktplatzes waren die Kameras von der Lokalzeit WDR platziert und die Moderatoren des Frühteams von Radio Bielefeld und Radio Gütersloh zankten sich am Marktplatzbrunnen um den besten Standort für ein Interview. Und Henriette war noch im Jogginganzug. Sie wollte doch in die alte Bluse mit den Puffärmeln schlüpfen, ihren Dutt und die Schürze binden, einen langen Bundfaltenrock anziehen. Das musste sie alles in wenigen Minuten regeln. Aber leider kam es zu einem weiteren Unglück. Henriette hatte wegen der vielen Süßigkeiten so zugenommen, dass sie nicht mehr in die Omabluse passte. Knöpfe platzen ob ihrer neuen Oberweite. Sie sollte der Star sein. Sie war doch Tante Emma. Sie wollte den nostalgischen Laden. Sie war auf allen Tüten, Verpackungen mit ihrem Konterfei abgebildet. Was tun? Es musste schnell gehen. Henriette rief die holländische Schülerin Swantje De Bollerjan an, die am Wochenende nun im Regionalexpress Richtung Heimat saß. Der Haller Wilhelm Richtung Enschede war er ist Halle und Peter fuhr schnell über die Teutoroute „Peter aufm Berg“ um sie zu holen. Henriette versprach Swantje eine saftige Lohnerhöhung, wenn sie zurückkäme und in ihre Tante Emma Tracht schlüpfen würde.
Das war dann der Brüller und der Verkaufsschlager aller Zeiten. Tante Emma war eine 15-jährige Schülerin, die den Verkauf an der Theke regelte. Peter als Picker rannte wie ein Besessener in die Warenlager um neue Produkte aufzufüllen und Henriette zeigte sich als innovative Unternehmerin auf dem Marktplatz der High Society Ostwestfalens. Dank eines spontanen Sponsorings der nahe gelegenen Gerry Weber Company brillierte sie im feinem schwarzen Business Casual Dress als neuer Star in der Nahrungsmittelindustriemetropole Ostwestfalens. Zudem bekam sie europäische Wirtschaftsförderung für eine deutsch-holländische Kooperation jugendlicher Menschen. Die Bielefelder waren traurig, dass sie Henriettes waren Können nicht geschätzt haben. Der Kreis Gütersloh freute sich über weiter steigende Steuereinnahmen. Henriette war in den Freundeskreis von Christian Lindner aufgestiegen. Da passte Peter Hagenfroh nicht mehr. Peter war nur Supermarkt-Picker und trug gerne Holzfällerhemden. Sie trennten sich und hiermit ist die Geschichte von Peter und Henriette zu Ende. Henriette machte Karriere und Peter ging zurück nach Bielefeld, wo er auf die Freilegung des größten Flusses Ostwestfalens wartet.
