Nun ging es das ganze Wochenende nur um Geld. Ich hatte eine schlaflose Nacht. Siegesmund Hasenkötter am Apparat. Lang sei es her gewesen, aber er müsse mich sprechen. Ich dürfe nun Siggi zu ihm sagen. Wollte ich das wirklich? Siggi brauchte Geld.
Und ich war in Gefahr. Vor sehr sehr langer Zeit wollte sich seine dicke Schwester (Siehe Kapitel Schwester) an mich hereinschmeißen. Durch eine platzende Luftmatratze wurde Paloma – nun wisst ihr, wie sie heißt, habe sie doch nicht so ganz vergessen – durch die Luft geschleudert.
Da sie aber doch etwas sehr dick war, landetet sie nicht bei Fred vom Jupiter, sondern stürzte ungefähr 200 km weiter in die Tiefen des Mittelmeeres, kurz vor der Küste Palermos.
Paloma rettete sich, besuchte einige Weight-Watcher-Kurse, folgte einem Yoga-Meister und versuchte sich im Online-Lippenstiftverkauf. An einem Abend versuchte sie ihre Kosmetikartikel in der Spelunke „Adriano Celentano“ Calle de Nord zu verkaufen.
Da saß Sergio Feta, der nach einem langen Workout am Strand im Boratkostüm seinen Martini bei Celentano schlürfte. Er hatte vorher einen Tag in seinem Büro verbracht und Paloma war es.
Sie war die Frau, die er immer gesucht hatte. Was für ein Rasseweib, dachte er, aber das war nebensächlich.
Irgendwie muss ich ran an die Frau. „Meine Suche hat ein Ende“ säuselte er, dabei tunkte er die Kippe in den Martini. Paloma kam an Sergios Tisch mit der Hoffnung, der Typ würde ihr drei Lippenstifte für den Preis von zweien abkaufen.
Sergio ergriff ihre Hand, Paloma konnte sich nicht wehren. Er näherte sich Paloma mit seinem Dreitagebart. Aus seinem Mund quoll eine Mischung von Martini, Zigaretten und Odolgestank, weil er keine Zahnbürste besaß. „Wo sind sie?“ fragte Sergio, „meine Familie und der italienische Staat suchen dich seit 40 Jahren!“
Paloma hatte keine Ahnung, was das Ganze solle. Dann holte Sergio ein altes Foto aus der Tasche.
Auf dem Foto waren sie, ihr Bruder Siggi und ich zu sehen. Es war ein altes Foto aus dem letzten gemeinsamen Urlaub in Santo Mariantos. Sergio wusste alles. Er wusste, dass Siggi und ich damals die berühmten Goldmünzen aus dem Heimatmuseum Santo Mariantos gestohlen hatten. Er sei der verlorene Sohn des besoffenen Museumswärters. Wegen Diebstahl und Trunkenheit im Dienst wurde dieser entlassen, vertrocknete später in Verbitterung und Sergio war nun an der Reihe. Im Hauptberuf war er Carabinieri auf dem stätischen Markt, der bekannt war, dass dort nicht nur Gemüse verkauft wurde, sondern auch diverse Dinge, die im Darknet gerne gehandelt werden.

Seit vierzig Jahren hingen die Fahndungsfotos in seinem Büro. Nicht nur Paloma, Siggi und ich waren als 10jährige Vollidioten abgebildet, sondern auch der komplette gestohlene Münzschatz. Siggi hatte übrigens fast seine ganzen Münzen behalten. Sie waren ein Vermögen werden. Ich hingegen, war mir des Wertes gar nicht bewusst, sondern habe einige gegen Zimtschnecken, Bravo-Hefte und die erste Schachtel Reval-Zigaretten eingetauscht. Nun ja, ich war 10 Jahre alt. Zehn Münzen investierte ich in einen Bausparvertrag. So machte man das früher. Nur noch eine Münze hatte ich in Gedanken an Siggi und Paloma für harte Zeiten aufgehoben. Sie stammte aus einer limitierten Edition des Kaisers Caligulars mit einer frivolen Szene des damaligen Papstes Haratius, dem Ersten.
Ich war sprachlos. Die Vergangenheit holte mich ein. Das musste ich sacken lassen. Sollte ich meiner Frau davon erzählen? Sollte ich sagen, dass unser Haus finanziert war mit gestohlenem Geld? Lange konnte ich nicht grübeln. L.Credi und ihre Freundin LEGO holten mich ab. Ich nannte sie LEGO. LEGO war die zweite Lesepatin aus Lemgo, die nun endlich mit dem E-Bike fahren kann. Sie besuche einen Volkshochschulkurs in Hasenhorst. In echt hieß sie Leander Goseney. Leander Goseney verstand es immer, Dinge aus dem Kaugummiautomaten oder dem Kinderzimmer zu Ohrgeschmeide umzuwandeln. Mal trug sie Gummibärchenhänger, mal Lakritzschnecken an ihrem Ohr. Am Leseeventabend trug sie orange dänische Bausteine mit acht Noppen an ihren Ohrläppchen. Daher ihr Name. Leander Goseney. LEGO. LEGO und L.Credi schoben mich im Rollstuhl in das Schauspielhaus. Im Theater berichtete ein charismatischer Schauspieler von dem Erfolg, den er mit Unternehmensanleihen an kommunalen Tierheimen gehabt hat. Meine Güte, konnte es heute mal nicht im Geld gehen? Ich wollte die Sache mit Paloma so schnell wie möglich vergessen.

